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Stephan Karrenbauer
Foto: Andreas Hornoff

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Vorurteile gegenüber obdachlosen Menschen: Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer im Interview


Menschen, die auf der Straße leben sind zu faul um zu arbeiten. Wenn man Bettelnden Geld gibt, geben sie es sowieso nur für Alkohol und Drogen aus. Obdachlose Menschen sind verwahrlost und man sieht ihnen direkt an, dass sie auf der Straße leben und sowieso muss in Deutschland niemand obdachlos sein. Diese Vorurteile gegenüber obdachlosen Menschen hört man in Deutschland immer wieder.

Aber was ist an diesen Vorurteilen dran? Woher kommen sie? Und was kann man dagegen tun? Stephan Karrenbauer arbeitet seit 26 Jahren beim Hamburger Straßenmagazin Hinz und Kunzt. Er steht täglich im Kontakt mit obdachlosen Menschen. Wir haben den Sozialarbeiter virtuell getroffen, um mit ihm über diese Themen zu sprechen. 

„Obdachlose sind zu faul zum Arbeiten"

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Menschen, die auf der Straße leben, haben keinen Alltag wie Menschen mit Dach über dem Kopf. Sie haben keinen Rückzugsort und kein entspanntes Wochenende, um sich auszuruhen. „Ich würde das gesamte Leben auf der Straße als eine wirklich anstrengende Arbeit betrachten“, so Stephan Karrenbauer. Die äußeren Bedingungen, um einen Nine-to-five-Job zu erfüllen, wie wir es kennen, sind für obdachlose Menschen nicht gegeben. Und auch wenn eine Person, die auf der Straße lebt, noch eine Arbeit hat, kann sie diese oft nicht halten:  

„In der Regel bekommt der Arbeitgeber relativ schnell mit, dass etwas nicht stimmt“, so Karrenbauer. „Dann kommt es häufig dazu, dass sich der Arbeitgeber von seinem obdachlosen Arbeitnehmer trennt.“ Dennoch wünschen sich viele obdachlose Menschen, dass sie (wieder) arbeiten gehen können. Das ist aber häufig nicht so einfach. Bei Hinz und Kunzt verdienen knapp 600 Menschen als Zeitungsverkäufer*innen ihr Geld. Und es gibt immer neue Anfragen. Stephan Karrenbauer sieht darin ein Problem: „Die Grundidee von Hinz und Kunzt ist, dass die Leute für eine kurze Zeit bei uns arbeiten, sich stabilisieren und wieder einen Zugang zum Arbeitsmarkt finden. Wer Obdachlosigkeit aber einmal in seinem Lebenslauf stehen hat, dem wird es unglaublich schwer gemacht, wieder in das gewöhnliche Berufsleben einzusteigen.“  


Und durch Corona?

„Ich denke nicht, dass die Corona-Situation Auswirkungen auf dieses Vorurteil hat", sagt Stephan Karrenbauer. Im allgemeinen Zusammenhang mit Vorurteilen sieht er allerdings eine kleine positive pandemiebedingte Entwicklung: Dadurch, dass weniger Passanten in den Städten unterwegs sind, fallen die obdachlosen Menschen mehr auf: „Als wir im März den ersten Lockdown hatten, war die Innenstadt leer – bis auf die Obdachlosen. Man hatte das Gefühl, dass an jeder Ecke ein Obdachloser sitzt. Es ist die gleiche Anzahl wie vorher, aber wenn alle anderen zu Hause sind, fallen Obdachlose viel mehr auf. Wenn ich mir angucke, wie viele Spenden wir in den letzten Monaten erhalten haben, kann ich mir vorstellen, dass das Verständnis der Bürger*innen steigt und Vorurteile abgebaut werden können.“  

„In Deutschland muss niemand obdachlos sein"

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Eine Frage, die sich viele Menschen stellen, lautet: Wie kann es überhaupt passieren, dass man obdachlos wird? Die gängige Meinung ist, dass man in Deutschland durch das Sozialsystem abgesichert wird. Da muss man nicht auf der Straße schlafen - so einfach ist das allerdings nicht. Stephan Karrenbauer betont, dass der Weg in die Obdachlosigkeit oft ein schleichender Prozess ist. „Meistens haben die Menschen eine schwere individuelle Krise erlebt und nicht verarbeitet“, sagt er. „Das kann der Tod einer nahestehenden Person sein oder eine Depression. Solch eine Krise kann dazu führen, dass die Menschen das Leben nicht mehr meistern können.“ Wer es also aufgrund dieser Krise also nicht schafft seine Miete zu zahlen, für den ist es oft auch schwierig, sich um staatliche Hilfen zu kümmern.

Warum leben diese Menschen dann auf der Straße? Denn schließlich gibt es doch Einrichtungen, die es ermöglichen, ein Dach über dem Kopf zu haben. Ist man dann nicht selbst schuld, wenn man sein Leben auf der Straße verbringt? Stephan Karrenbauer beschreibt die Situation so:  „Man muss sich nur einmal vorstellen, mit acht Personen, darunter oft psychisch Erkrankte oder Drogenabhängige, in einer Notunterkunft zu leben. Es ist laut und man hat absolut keine Privatsphäre. In einer solchen Situation davon zu sprechen, dass die Leute selbst schuld sind, wenn sie dann lieber mal eine Nacht draußen bleiben, ist schon ziemlich krass.“ Aber eine neue, eigene Wohnung zu finden gestaltet sich oft schwierig und dauert häufig mehrere Jahre. Viele Menschen geben aufgrund ihrer Erfahrungen irgendwann resigniert die Suche auf.  

Eine Gruppe, die allerdings komplett durch das Raster unseres Sozialsystems fällt sind die vielen Menschen aus Osteuropa, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Hamburg gekommen sind und nun hier auf der Straße leben. Diese Menschen haben nicht einmal einen Anspruch auf eine der Notunterkünfte:  „Für diese Personen gibt es die Wärmestube. Ein wunderschönes Wort wie ich finde. Die Wärmestube klingt, als würde ich durchgefroren von einer Bergwanderung in irgendeiner Berghütte ankommen, wo ein Kamin brennt.  Aber die Wärmestube bedeutet in der Realität, dass Menschen aus Osteuropa die Nacht auf einem Stuhl verbringen können. Wenn noch Platz ist, dürfen sie auf dem Fußboden schlafen. Die Grundidee der Behörden dahinter ist, dass nicht noch mehr Leute kommen. Diese Handhabung soll ein Appell an die Menschen sein, wieder zurück in ihr Heimatland zu fahren. So funktioniert das aber nicht, da die Zustände in diesen Ländern teilweise noch viel schlimmer sind.“   


Und durch Corona?

Durch die pandemiebedingt erhöhte Aufmerksamkeit obdachlosen Menschen gegenüber scheinen zumindest mehr Bürger*innen zu verstehen, warum man sich entscheidet, eher auf der Straße zu leben, als die staatlichen Notunterkünfte anzunehmen. Denn gerade in Pandemiezeiten sind Mehrbett-Unterkünfte nicht nur eine Belastung, sondern auch eine Gefahr.   

„Obdachlose Menschen kaufen von erbetteltem Geld nur Alkohol und Drogen"

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„Ja, dem würde ich zustimmen“, beurteilt Stephan Karrenbauer dieses Vorurteil. Viele obdachlose Menschen sind tatsächlich alkohol- oder drogenabhängig, weil der Alltag auf der Straße so hart ist, dass viele ihn ohne Suchtmittel nicht ertragen könnten. Und Abhängige müssen ihre Suchtmittel regelmäßig konsumieren. „Wenn ein Bettler auf der Straße sitzt, um sich dann am Abend seine Flasche Wodka kaufen zu können, dann soll es doch sein gutes Recht sein. Bevor er einer Oma die Handtasche klaut ist das sinnvoller und hat auch meine Achtung verdient, dass er da sitzt und wartet, bis er das Geld zusammen hat. Mit der Sucht so umzugehen, dass ich nur mich schädige und nicht andere, das ist schon ein großer Schritt. “   

Wer sich zu viele Gedanken darüber macht, was eine obdachlose Person von dem Geld, das man ihnen gibt, kaufen könnte, der sollte lieber einfach nichts geben, findet Karrenbauer.   

Essen anstatt Geld zu spenden ist aber auch nicht immer die Lösung. Lieber sollte man nachfragen, was der- oder diejenige braucht: „Wir hatten zum Beispiel mal einen Verkäufer, der seinen Zeitungsstand neben einer Imbissbude hatte und der kam irgendwann an und wollte einen anderen Platz haben, weil er gesagt hat: Die haben mir die sechste Wurst gegeben, ich kann nicht mehr. Und alle gucken mich an, dass ich die auch wirklich esse. Das ist zum Lachen, aber es hat ihn keiner gefragt. Alle dachten einfach: der muss ausgehungert sein.“ Wenn man also Geld gibt, so viel wie es einem nicht wehtut, dann sollte man respektieren, was davon gekauft wird. „Es zeigt auch niemand mit dem Finger auf mich, wenn ich mir abends eine Flasche Wein aufmache“, so Karrenbauer.


Und durch Corona?

„Ich denke vielleicht ist das Verständnis größer geworden, dass die Leute aus Angst noch ein bisschen mehr trinken. Viele Menschen, die nicht auf der Straße leben, haben ja selbst Angst an Corona zu erkranken.“ 

„Obdachlose Menschen sind verwahrlost"

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„Das stimmt nicht, sonst würden einem sofort 2000 Menschen in der Stadt auffällig entgegentreten, die obdachlos sind. Der geringste Teil ist so auffällig, dass man direkt sicher ist: Diese Person ist obdachlos. Es gibt ein paar Merkmale, die man mit geschultem Blick erkennt, aber generell kann man es nicht sagen. Dass so wenig Leute auffallen, finde ich übrigens wirklich bewundernswert,“ kommentiert Karrenbauer dieses Vorurteil. Obdachlose Menschen wünschen sich ebenso wie jede*r andere auch, nicht ungepflegt auszusehen. Die Möglichkeiten, zu duschen oder sich zu waschen sind jedoch extrem begrenzt. „Ich finde es erstaunlich, wie sauber die Leute sind, obwohl sie draußen schlafen müssen. Es ist beeindruckend, welche Ideen sie entwickeln, um zu duschen und sich gepflegt zu halten.”

Eine weitere Anmerkung von Stephan Karrenbauer bekräftigt, dass dieses Vorurteil in den Köpfen vieler Menschen verankert ist: „Wenn Leute eine Nike-Jacke gespendet bekommen und sagen: Die kann ich nicht tragen, dann glaubt mir keiner, dass ich Obdachlos bin.” Es scheint so, als sei Obdachlosigkeit für viele zwingend mit einem ungepflegten Äußeren verbunden. Doch dazu sagt der Experte: „Die extrem auffälligen Personen sind  häufig Menschen mit einer starken psychischen Erkrankung.  Das ist aber nicht das Bild von dem Großteil der Obdachlosen“.  


Und durch Corona?

Dieses Vorurteil könnte sich laut Karrenbauer leider durch Corona zurecht verstärkt haben. Die Möglichkeiten für obdachlose Menschen, sich zu waschen, wurden stark eingeschränkt. Dadurch werden auch sehr bemühte obdachlose Menschen wahrscheinlich ungepflegter aussehen, als es vor Corona der Fall war.   

„Bei obdachlosen Menschen steckt man sich mit Corona an"

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„Das war die große Befürchtung im Frühjahr. Sehr viele Ehrenamtliche haben aus Angst ihre Arbeit eingestellt. Aber gerade im Frühjahr war Corona für die Obdachlosen noch ganz weit weg. Wer hatte Corona? Leute aus dem Ski-Urlaub und Menschen, die (Geschäfts-)Reisen gemacht haben“, so Karrenbauer.   

Mittlerweile hat Corona jedoch auch obdachlose Menschen erreicht. Grundsätzlich gilt es bekanntermaßen, Abstand zu halten und eine Maske zu tragen, wenn man unterwegs ist. Das sind effektive Maßnahmen, um sich vor einer Corona-Infektion zu schützen – dies gilt für alle Menschen. „Obdachlose sind allerdings in Großunterkünften einer erhöhten Gefahr ausgesetzt. Auch wenn wir die Aufforderung bekommen, große Menschenansammlungen zu meiden – das können Obdachlose nicht so einfach. Ich denke, es ist nur eine Frage der Zeit, bis es einen Corona-Ausbruch in einer Notunterkunft gibt.“  

Viele Mitarbeitende in Hilfsorganisationen hatten aber auch Angst selbst obdachlose Menschen anzustecken: „Sehr viele Einrichtungen hatten aus Vorsichtsmaßnahmen geschlossen, weil sie Angst hatten Obdachlose anzustecken, da deren Immunsystem so sehr geschwächt ist. Das hat natürlich auch dazu beigetragen, dass auf der Straße eine größere und schnellere Verelendung stattgefunden hat. Besonders auffällig war die Situation morgens am Hauptbahnhof, oft lagen dort obdachlose Menschen in ihrem eigenen Urin und Kot. Diese starke Verwahrlosung der Menschen liegt natürlich daran, dass sie nichtmehr regelmäßig duschen konnten, dass sie nichtmehr regelmäßig Essen bekommen haben und dass sie ihre ganzen Bedürfnisse in einem Zeitfenster von 45 Minuten erledigen mussten, bevor die nächsten dran waren. Das hat dann dazu geführt, dass die Verweildauer auf der Straße deutlich gestiegen ist.” Diese Umstände hatten traurige Auswirkungen: „In den Sommermonaten sind mehrere Personen verstorben, das hatten wir noch nie.” 

Wieso entstehen solche Vorurteile überhaupt? 

„Ich glaube, dass Vorurteile dazu dienen, sich selber zu schützen: Wenn ich immer das Gefühl habe, dass das ganz arme Leute sind, bin ich ja eigentlich gezwungen zu handeln. Wenn ich aber glaube, dass die das freiwillig machen, kann ich ruhigen Gewissens nach Hause gehen. Wenn ich glaube, dass die Osteuropäer alles Bettelbanden sind, dann kann ich guten Gewissens an den Leuten vorbeigehen und muss ihnen nichts geben.“ 

Wie können Vorurteile abgebaut werden? 

„Ich finde, dass die Politik eine Gesamtverantwortung hat. Großunterkünfte sind nicht mehr zeitgemäß, denn sie führen auch zu Vorurteilen. Wenn ich eine Großunterkunft in einem Wohngebiet habe, wo 300 Obdachlose untergebracht sind, wird es immer Menschen geben, die sehr auffällig sind“, so Karrenbauer. Eine solche Überproportionierung von obdachlosen Menschen ist ein ungewohntes Bild, was wiederum zu Vorurteilen führt.  

Während des ersten Lockdowns wurden von Hinz und Kunzt dank großer Spendengelder obdachlose Menschen in Hotels untergebracht – gleichmäßiger in der Stadt verteilt: „Die sind überhaupt nicht aufgefallen. Niemand hat wahrgenommen, dass dort so viele Obdachlose untergebracht waren. Kleine Einheiten sind langfristig gesehen weitaus sinnvoller als solche riesengroßen Einrichtungen. Das ist wirklich etwas, das abgeschafft gehört.“ 

Kaum ein Mensch ist frei von Vorurteilen. Auch wir haben während unserer Arbeit gemerkt, dass wir Stereotypen im Kopf haben. Um diese abzubauen, ist es hilfreich, sich näher mit dem Thema zu beschäftigen. Kein Mensch möchte, dass man ihm mit Vorbehalten begegnet. Deshalb ist es wichtig, Expert*innen und vor allem den Betroffenen zuzuhören. Obdachlosigkeit durch einen Schicksalsschlag oder eine Depression kann im Grunde jede*n treffen, auch in Deutschland. Wenn man versteht, wie schwer schon der Alltag für obdachlose Menschen ist, dann weiß man, dass diese nicht einfach nur zu faul sind, um zu arbeiten. Gerade in einer so außergewöhnlichen Zeit wie der Corona-Pandemie, müssen wir Vorurteile hinterfragen und im Sinne der Menschlichkeit umdenken. 

So äußert sich der Senat Hamburg zu der Kritik an Großunterkünften für obdachlose Menschen während der Corona-Pandemie: 

„Als sich herausstellte, dass wegen der COVID-19-Pandemie neue Nutzergruppen hinzugekommen sind und aus Infektionsschutzgründen eine möglichst lockere Belegung geboten ist, wurde das WNP nochmals deutlich ausgeweitet und zum Beispiel ein weiterer großer WNP-Standort in der Schmiedekoppel in Betrieb genommen.”  „Bei der derzeitigen Auslastung des WNP mit circa 70 Prozent kann eine pandemiegerechte lockere Belegung realisiert werden.“ 

Quelle: Kleine Anfrage Drs. 22/2843

„Verdachtsfälle auf eine Corona-Infektion werden bis zur Abklärung des Verdachts unverzüglich vor Ort isoliert untergebracht, und gegebenenfalls in separate Quarantäne-Standorte verlegt, in denen bestätigte Infektionsfälle für die Dauer der Erkrankung verbleiben. So soll vermieden werden, dass etwaige Infektionen sich ausbreiten.”

Quelle: Pressemitteilung 22.11.2020

Der Senat Hamburg gibt folgende Auskunft über die Gründe, dass Menschen an die Wärmestube verwiesen werden:  

„Insgesamt haben seit November 2020 bisher 46 Personen das Angebot der Wärmestube erhalten, davon 31 Personen aufgrund mangelnder Mitwirkungspflicht, sieben Personen befristet aufgrund von Verstößen gegen die Hausordnung und acht Personen aufgrund vorhandener Selbsthilfemöglichkeiten.” 

Quelle: Kleine Anfrage Drs. 22/2907