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Andreas arbeitet ehrenamtlich beim CaFée mit Herz

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"Wenn ihr mir damals auf der Straße begegnet wärt, hättet ihr nicht erkannt, dass ich obdachlos bin.“   


Seit sechs Jahren arbeitet Andreas ehrenamtlich im CaFée mit Herz , einer Hilfseinrichtung für obdachlose Menschen. Bis vor ein paar Monaten hat er dabei noch selbst auf der Straße gelebt. Wir haben den 59-Jährigen im CaFée mit Herz besucht und mit ihm über Vorurteile gesprochen, denen Menschen auf der Straße ausgesetzt sind.  

Wir treffen Andreas im Hinterhof vom CaFée mit Herz. Wegen der Corona-Situation führen wir das Interview draußen. „Kalt, aber immerhin trocken“, kommentiert er das Metallgitter, auf dem er sich für unser Gespräch niedergelassen hat. Es ist Anfang Februar 2021, draußen herrschen Minusgrade und wir haben Glück, denn gerade hat es aufgehört zu schneien.    

Andreas spricht mit uns über Vorurteile gegenüber obdachlosen Menschen. Er selbst lebte sieben Jahre auf der Straße, seit etwa einem halben Jahr hat er nun eine eigene Wohnung. Ein gebürtiger Hamburger ist Andreas nicht, eigentlich kommt er aus Mecklenburg-Vorpommern. Aus familiären Gründen kam er nach Hamburg. „Seit dieser Zeit arbeite ich auch schon ehrenamtlich hier“, erzählt er uns. Damit beweist er sich direkt als Gegenbeispiel für das verbreitete Vorurteil, obdachlose Menschen seien zu faul, um zu arbeiten. „Die ehrenamtliche Arbeit hilft, während man auf der Straße lebt, die eigene Struktur beizubehalten. Man hat praktisch keine Zeit, sich irgendwo hinzustellen und sich den ganzen Tag zu besaufen“.

Dass es einige obdachlose Menschen gibt, die nicht arbeiten wollen, hält Andreas aber auch für möglich, im Großen und Ganzen könne man das aber nicht so sagen. Problematisch sei auch, dass einige, beispielsweise durch eine Krankheit, nicht mehr in der Lage sind, zu arbeiten: „Man fällt dann schnell durch das soziale Raster durch. Manche fangen dann an zu resignieren. Es beißt sich ja im Prinzip die Katze selber in den Schwanz. Ohne Wohnung bekommt man keine Arbeit und ohne Arbeit bekommt man keine Wohnung. Wo soll man da anfangen?“. 

Auf unsere Frage, welche Auswirkungen die Corona-Pandemie auf dieses Vorurteil haben könnte, antwortet Andreas: „Der Arbeitsmarkt wird immer enger. Gerade jetzt, wo viele Dienstleister zu haben. Ich kann mir vorstellen, dass das die Situation verschärft.“  

Während wir uns unterhalten, tragen wir Masken und halten Abstand. Trotz dieser Distanz begegnet uns Andreas offen und ehrlich. Er hört uns aufmerksam zu, lässt sich nur einmal kurz ablenken, als ein Mann vorbeiläuft und freundlich „moin, Andreas!“ ruft. Er grüßt zurück, wendet sich danach aber direkt wieder uns zu.  

Das Vorurteil, in Deutschland müsse niemand obdachlos sein, bestätigt er nicht uneingeschränkt. Für obdachlose Menschen gibt es viele Angebote, meint er. Er erzählt, dass das CaFée mit Herz viel Unterstützung bietet, um mindestens über die kalte Jahreszeit zu helfen. Aber nicht jeder nimmt solche Angebote wahr.  Seine Wohnung zu verlieren, kann laut Andreas jedoch schneller geschehen, als einem lieb ist, beispielsweise wenn sich Partnerschaften oder Ehen aus einer gleichen Wohnung trennen.  

Um obdachlosen Menschen während der kalten Jahreszeit eine warme Unterkunft zu bieten, gibt es das Winternotprogramm. Laut Andreas gibt es dort durch die Corona-Pandemie allerdings Einschränkungen. Er erzählt uns, dass das CaFée mit Herz, welches sich ausschließlich durch Spenden finanziert, Hostelzimmer angemietet hat, um dort obdachlosen Menschen eine warme Unterkunft zu bieten. Diese stehen durch Corona ohnehin leer und können so sinnvoll genutzt werden. 

 Als wir ihn mit dem Vorurteil konfrontieren, obdachlose Menschen kaufen von ihrem erbettelten Geld nur Zigaretten, Alkohol und Drogen, antwortet Andreas: „Das kann ich nur teilweise bejahen. Ich habe selber auch geschnorrt. Davon habe ich mir auch Zigaretten gekauft, aber vertrunken habe ich das Geld nicht. Ich habe einen Hund, der muss auch einmal im Jahr zum Tierarzt. Dafür habe ich das Geld gespart. Aber da kann ich natürlich nur von mir reden. Es gibt auch Leute, die jeden Cent in Alkohol investieren“. 

Auswirkungen auf dieses Vorurteil direkt benennt Andreas durch die Corona-Pandemie nicht, nennt aber im Zusammenhang mit Betteln ein coronabedingtes Problem: „Abends klappen die hier ja fast die Bürgersteige hoch. Vorher waren 1.000 Menschen auf dem Kiez. Aber dadurch, dass weniger Menschen auf der Straße sind und die Leute mehr auf Abstand bleiben, ist es für die Menschen, die sich ihren Lebensunterhalt zusammenbetteln sehr schwierig“. 

Trotz der eisigen Temperaturen lässt Andreas während des gesamten Gesprächs seine Jacke offen. Falls er friert, merkt man es ihm nicht an.

Zu jedem Vorurteil, mit dem wir ihn konfrontieren, nimmt er sich einen Moment Zeit, um darüber nachzudenken. Nur auf die Aussage, obdachlose Menschen seien verwahrlost und man sehe ihnen direkt an, dass sie auf der Straße Leben, reagiert er direkt mit einem Lachen. „Mir hat man es überhaupt nicht angesehen. Ich bin jeden Tag picobello sauber herumgelaufen. Wenn ihr mir damals auf der Straße begegnet wärt, hättet ihr nicht erkannt, dass ich obdachlos bin.“  

Er sagt, dass es Möglichkeiten in verschiedenen Einrichtungen gibt, sich zu duschen. Zwangsläufig müsse man also nicht verwahrlost aussehen. „Aber es gibt natürlich auch Menschen, die sich selber aufgegeben haben. Die vielleicht auch einen Alkohol- oder Drogenbackground haben, meist schwere Fälle, die psychisch erkrankt sind. Aber vielen sieht man es einfach gar nicht an.“ 

Die Frage, ob Corona sich auf dieses Vorurteil auswirkt, findet Andreas schwierig zu beantworten. Auch während der Pandemie bietet das CaFée mit Herz die Möglichkeit, sich alle 14 Tage in der eigenen Kleiderkammer auszustatten. Doch nicht alle Anbieter können ihre Unterstützungen während des Lockdowns wie üblich anbieten, wodurch die Möglichkeiten, sich zu pflegen, geringer sind.  

Auf das letzte, Vorurteil, man sollte obdachlose Menschen meiden, da man sich bei ihnen schnell mit Corona anstecken könnte, reagiert er sichtlich empört: „Das ist absoluter Schwachsinn. Jeder Mensch kann sich theoretisch bei jedem anstecken. Dass Obdachlose der Corona-Hotspot sind kann man nicht sagen. Das ist wirklich ein Vorurteil”.   

Nachdem wir mit unserem Gespräch fertig sind, bietet Andreas noch an, uns das CaFée mit Herz zu zeigen. Wir folgen ihm zurück zum Gebäude, die Hilfseinrichtung befindet sich im Untergeschoss. Im Gang stehen Bücherregale, aus denen man sich etwas zum Lesen mitnehmen darf. Andreas zeigt uns die Küche, in der jeden Tag das Frühstück und Mittagessen für Hilfsbedürftige zubereitet wird. Der Raum, der normalerweise als Speisesaal dient, wird dafür zurzeit nicht genutzt. “Wir geben das Essen momentan durchs Fenster aus”, erklärt Andreas.

Als wir auf dem Weg zur anderen Seite des Ganges wieder am Eingang vorbeikommen, huscht zusammen mit einem anderen Mitarbeiter ein Husky mit durch die Tür herein. „Da ist ja mein Hund”, freut sich Andreas. „Sie heißt Akira”. Neugierig beschnuppert sie uns und beobachtet uns mit ihren eisblauen Augen, während Andreas uns noch die anderen Räume zeigt: Es gibt Duschen, die bereits erwähnte und sehr gut ausgestattete Kleiderkammer sowie Räume für ärztliche Unterstützungen für Menschen, die nicht krankenversichert sind.  

Zum Schluss möchten wir noch von Andreas wissen, wie man die vielen Vorurteile abbauen könnte. Er findet es wichtig, dass man mit den Betroffenen direkt spricht: „Durch fehlendes Interesse kommen solche Vorurteile zustande und werden auch weitergetragen, wenn man sich nicht mal erkundigt, ob das überhaupt stimmt”. Es ärgert ihn, dass häufig alle über einen Kamm geschoren werden.  

Als wir das CaFée mit Herz verlassen, sind wir uns einig, dass Andreas stolz ist, hier zu arbeiten und vor allem, dass er es von Herzen gerne tut.