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Benne und Leonie von Hanseatic Help

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Hanseatische Hilfe


landungsbrücken

Ein kalter verschneiter Wintermorgen auf dem leeren Hamburger Kiez. Auf dem Weg von der S-Bahn-Station Reeperbahn entdecken wir direkt einen Berg aus Decken und Gerümpel. Doch das ist kein Müll. Es ist das Einzige, was ein Mensch dort noch zum Schlafen und als Schutz vor der Kälte gefunden hat: Eine Übernachtungsmöglichkeit, gebaut aus Matten, löchrigen Decken und einem Einkaufswagen. Beim näheren Hinsehen bekommen wir einen Schreck. Dort liegt jemand unter den Decken. Es sind minus sieben Grad. Wir frieren und saßen bis vor 5 min noch in einer warmen S-Bahn. Der Kiez ist menschenleer. Die „Große Freiheit“ ist kaum wieder zu erkennen. Hier parken Autos, wie in jeder gewöhnlichen Straße. Die ehemals täglich geöffneten Clubs haben teilweise Verschläge vor ihre Türen gebaut, weil sie entweder schon insolvent sind oder noch werden, wenn das Ganze noch so weiter geht.

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Wir sind von Hanseatic Help eingeladen worden mit ihnen über ihren Beitrag als Helfer*innen zu sprechen. Wir sind gespannt was uns dort erwartet, denn wir haben selbst vor Jahren schon einmal dort mit angepackt. Hanseatic Help kümmert sich nicht in direktem Kontakt um Obdachlose oder Hilfsbedürftige, sondern setzen die Hilfe logistisch um. Eine riesige Halle voll mit Paketen erschlägt uns beim Eintreten. Doch die Helfer haben ein System entwickelt, mit dem sie die Übersicht über ihre kompletten Bestände haben. Mit Hilfe von QR Codes und einer Software, die den Inhalt anzeigt und vielen fleißigen Helferhänden behalten sie den Überblick. Inzwischen verschicken die Hamburger weltweit ihre Versorgungspakete. Wir werden von den beiden Bundesfreiwilligendienstlern, Benne und Leonie abgeholt. Sie haben letztes Jahr Abitur gemacht und hatten sich vorgenommen, ins Ausland zu gehen. Doch dann kam Corona dazwischen. Sie „haben dann einfach mal gegoogelt“: „Was ist der beste FSJ in Hamburg?“ und haben Hanseatic Help gefunden.

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Zwischenlager - Quelle: Hanseatic Help

Die gute Atmosphäre, die die beiden beschreiben, bekommen wir direkt live mit. Als wir eintreffen, gibt es gerade Mittagessen für alle. In einer sehr fürsorglichen Umgebung zeigt uns Benne währenddessen alles. Dadurch, dass alle beim Essen waren, können wir uns wirklich alles in Ruhe anschauen, eine Seltenheit eigentlich während der Pandemie. Wir sehen alle Abteilungen, in dem das Lager eingeteilt ist. Wir kommen von der Damen-, und Herren- und schließlich zur Hygiene-, zur Betten- und Handtücherabteilung. Was Hanseatic Help so besonders macht, ist die professionale Einstellung von allem. Sie haben sich auf die Sortierung von Spenden Kleidung spezialisiert. Das größte Problem ist nicht an die Spenden von Klamotten zu kommen, sondern das wirkliche Sortieren und die logistische Herausforderung, wie auch das Wiederfinden der einzelnen Kleidungsstücke. Hier wird alles aufgenommen, sortiert und festgehalten. Durch eben diesen hohen Standard können auch ganz akute Aufträge entgegengenommen werden. Durch die QR-Codes, die man via App scannen kann, kann man sofort Nachfrage und Angebot aufeinander abstimmen.

In den Wintermonaten fokussieren sich die Helfer auf wärmespendende Artikel: Es werden fleißig Schlafsäcke gesammelt, Isomatten und dicke Schuhe sind jetzt gefragt. Immer wieder sticht hier einem ein Satz in die Augen: Einfach machen! Dieser so simple, aber auch mehrdeutige Satz ist vielleicht auch das Erfolgsgeheimnis von Hanseatic Help. Die Einfach-Machen-Mentalität hat die Helfer hier infiziert und treibt sie an. Nicht lange nachdenken, sondern einfach erstmal anfangen- daraus wird sich dann schon was Tolles entwickeln. Und allein die Tatsache, dass Menschen in Not geholfen werden kann, ist hier die Motivation aller.

Hamburg, 9.2. gegen 13:00: Wir sind bei Hanseatic Help eingeladen. Wir dürfen heute mit 2 jungen Helfern ein Interview führen, stellt Euch bitte kurz einmal vor.

Benne: Ich bin Benne und bin jetzt seit Oktober Bundesfreiwilligendienstler bei Hanseatic Help. Ich helfe hier quasi in einer 38 Stunden Woche beim Spenden sortieren, Bestellungen packen und was eben so anfällt.

Leonie: Ich bin Leonie und bin auch seit Oktober bei Hanseatic Help und mache genau das gleiche wie Benne.

Ihr habt eingangs erzählt, dass ihr ohne Corona gar nicht hier wärt. Erzählt mal.

Benne: Ja, tatsächlich ist es so, dass wir beide ein Auslands-Jahr machen wollten. Das war durch Corona nicht möglich. Wir haben uns dann eben kurzfristig etwas anderes gesucht, wie man das Jahr sinnvoll und gut bestreiten kann. Wir sind dann beide auf Hanseatic Help gestoßen.

Leonie: Ich hatte Costa Rica schon gebucht. Ich hatte schon Kontakt mit der Botschaft und der Termin stand fest. Irgendwann mit den ganzen Beschränkungen kam dann das Gefühl in mir, dass es nichts wird. Mir war dann nicht wohl bei dem Gedanken, am Ende der Welt zu sitzen und im Notfall nicht nach Hause kommen zu können. Ich habe mich dann umorientiert und habe ich einfach mal gegoogelt: „Beste FSJ Stelle in Hamburg“, und bin so auf Hanseatic Help gekommen.

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Was zeichnet für euch Hanseatic Help aus?

Benne: Ich würde sagen die #einfach machen-Mentalität. Das heißt, nicht lange diskutieren, oder große Pläne schmieden und dann am Ende weniger machen können. Sondern einfach anpacken. Es gibt immer was zu tun und es ist aber immer alles möglichst simpel gehalten, sodass man nicht stundenlang mit Planen verschwendet.

Leonie: Die Spontanität bei Hanseatic Help ist ein Kernmerkmal, würde ich sagen.

Ihr habt in der Corona Zeit hier angefangen. Hat euch Corona beeinflusst hier bei Hanseatic Help?

Leonie: Ja. Zum einen, weil wir Maßnahmen soweit einhalten müssen und auch wollen. Zum anderen, weil sich die ganze Arbeit um das Thema, Bedürftigen zu helfen, dreht. Durch Corona sind viele Bedürftige nochmal bedürftiger geworden. Zum Beispiel bei dem Thema Obdachlosigkeit. Es haben ganz viele Ausgabestellen von heute auf morgen zugemacht. Das erschwert insofern unsere Arbeit, als dass wir nicht mehr den direkten Kontakt zu Menschen möglich machen können. Gleichzeitig haben wir eben auch viel mehr Arbeit, wo aber natürlich trotzdem tolle Projekte heraus entstanden sind. Zum Beispiel „Hamburg packt’s zusammen!“

gepackte-ware hygiene-abteil

Ok. Also durch Corona hat sich das Projekt „Hamburg packt’s zusammen!“ entwickelt? Magst Du kurz etwas dazu erzählen?

Leonie: Das ist ein Projekt in Kooperation mit Budni und einigen anderen Hamburger Lokal-Firmen. Es werden kompakte Versorgungstüten gepackt und die werden dann an Organisationen, die diese zusätzlich benötigen, ausgegeben.

Thema Versorgung: Gab es Engpässe? Seid Ihr mit der Ware, die Ihr bekommen habt, gut versorgt gewesen?

Benne: Ja, unterversorgt waren wir auf keinen Fall. Ein positiver Effekt vom Lockdown war glaube ich, dass sehr viele Leute mehr Zeit hatten und dadurch ihre Kleider endlich mal aussortieren konnten. Im zweiten Lockdown, haben sehr viele Hersteller gesagt: „Wir werden unsere Kleidung nicht los und wo können wir unsere Kollektionen spenden?“ Wir haben auch teilweise sehr viele industrielle Spenden bekommen. Wir konnten sogar eine ganze Zeit lang komplett die Spendenannahme zumachen, weil wir nicht hinterhergekommen sind. Wir hatten trotzdem noch genug, um alles rausgeben zu können. Wir haben dann zweimal die Woche wieder geöffnet und wurden da aber auch wieder fast überrannt.

Leonie: Leider wird teilweise auch viel „Müll“ gespendet. Wir hatten irgendwann im Oktober die Situation, dass wir einen richtigen Überschuss an Damenkleidung hatten. Wir mussten dann explizit dazu aufrufen, dass wir nur noch Herrenkleidung angenommen werden kann. In den kalten Monaten können wir mit Sommerblusen natürlich auch nicht so viel anfangen. Wir haben auch nur eine begrenzte Lagerkapazität. Daher haben wir frühzeitig angefangen explizit Kleidung, die zu kalt ist, abzuweisen.

damen-abteil jacken-winter

Würdet Ihr sagen, Ihr könnt Hamburg aktuell gut mit warmen Jacken und Schlafsäcken versorgen?

Benne: Ja ich denke schon. Ich glaube, dass wir einen sehr großen Teil vom Bedarf decken können. Wir können natürlich auch nicht immer alles liefern, Hygieneartikel sind oft vergleichsweise knapp. Seit Oktober läuft unsere Kampagne „Wärme geben“, mit der wir auch sehr viel Schlafsäcke und Isomatten gespendet bekommen. Wir rufen explizit dazu auf, oder machen verschiedene Deals mit Unternehmen. Über Geldspenden von verschiedenen Firmen oder Privatpersonen hier in Hamburg haben wir dann sehr günstig Winterschlafsäcke einkaufen können. Es ist dann natürlich sehr praktisch denn mit Schlafsäcken für unter 20€ kann man den Bedarf gut decken, wenn die Sachspenden mal nicht reichen sollten.

schlafsäcke-unsortiert schuhe-sortiert

Wie ist denn die Stimmung bei Euch Helfern? Habt Ihr einen Stimmungwechsel gemerkt oder seid ihr immer noch der gleiche fröhliche Haufen?

Leonie: Der gleiche fröhliche Haufen sind wir nicht mehr. Normalerweise konnte einfach jeder vorbeikommen und helfen. Man bekommt einfach Namensschild und los geht’s. Momentan geht das eben nicht mehr, sondern es wird strikt reguliert. Es dürfen keine ehrenamtlichen Helfer mehr in die Halle, sondern nur noch die Festangestellten. Irgendwann kam auch eine gewisse Lockdown-Müdigkeit bei uns im Team. Man muss immer die Beschlüsse der Regierung abwarten, erst danach können wir sehen, wie es weitergeht. Man macht sich Hoffnung auf Lockerungen, aber manchmal ist das dann umsonst.

Benne: Man hat jetzt permanent ein Risiko, dass wir unseren Betrieb, aufgrund von einem Corona-Fall, einstellen müssen. Wir arbeiten nach dem Zeitschichten-Prinzip, das heißt wir teilen das hauptamtliche Team nochmal auf, damit wir noch stärker den Kontakt und das Begegnen beschränken in unseren Hallen. Dadurch ist einfach weniger Stimmung, weil eben deutlich weniger Leute in der Halle sind. Zum anderen ist es so, dass die Menge an Arbeit gleichgeblieben ist. Wir haben eben nur noch die Hälfte an Arbeitskräften, abzüglich der Freiwilligen. Wir müssen mit reduzierten Arbeitskräften klarkommen, teilweise kann das schon ganz schön stressig werden.

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Gab es während der Pandemie ein Ereignis oder Phänomen, was euch nicht mehr loslässt? Sei es im positiven oder auch negativen Sinne?

Leonie: Extrem positiv prägen mich immer die Momente der Freundlichkeit und Dankbarkeit, die uns bei unserer Arbeit entgegengebracht wird. Klar gibt es auch ein paar Leute, die anfangen zu diskutieren, gerade bei der Annahme. Manchmal drücken die Leute uns zwei Schlafsäcke und etwas Geld in die Hand, und sagen: „Danke für eure Arbeit.“ Das rührt einen dann natürlich schon.

Gibt es ein Thema, das euch enttäuscht hat?

Leonie: Ich denke, dass sich einige junge Menschen einfach nicht bewusst sind, was sie für einen Einfluss auf das Infektionsgeschehen haben. Ich finde auch, dass gerade jetzt im Winter beim Thema Obdachlosigkeit totgeschwiegen oder weggeschaut wird von unserer Generation.

Ich würde jetzt noch eine letzte Frage stellen, die ist ein bisschen philosophischer Natur, also könnt Ihr kreativ werden. Sollte Corona unsere größte Sorge sein oder die Angst davor, unsere Menschlichkeit zu verlieren?

Benne: Ich würde sagen, das geht teilweise sehr Hand in Hand. Also wenn ich jetzt sage, ich habe nur Sorge davor, meine Menschlichkeit zu verlieren und ignoriere Corona und treffe mich noch mit anderen, dann ist das meiner Meinung nach wiederum ziemlich unmenschlich. Gerade gegenüber den Risikogruppen wie bspw. alten Menschen, die halt wirklich stark dadurch betroffen sind.

Andererseits wenn ich sage: nur Corona ist wichtig, und die Menschlichkeit ist mir egal! Dann ist es meiner Meinung nach auch ziemlich schwierig zu sagen, irgendwie Menschlichkeit zu bewahren dann in einem kompletten Lockdown und komplett abgeschottet von allem und jedem. Meiner Meinung nach muss man einen guten Mittelweg finden.

Leonie: Ich denke, zum einen sind es zwei vollkommen unterschiedliche Ebenen. Das eine ist die faktische Ebene, da ist gerade globale Pandemie. Das andere ist die persönliche, die man selbst sehr stark beeinflussen kann. Zum anderen bedingt es sich auch. Ich habe das Gefühl, dass eben auch durch Corona einfach nochmal die Sorgen der Menschen, denen es vorher schon nicht so gut ging, jetzt noch schlechter geht, dass diese Tatsache noch mehr in den Mittelpunkt rückt. Und die Gesellschaft hat eben jetzt wirklich mehr Zeit, sich mit diesem Umstand mehr zu beschäftigen.

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