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Johan Graßhoff: Straßensozialarbeiter bei der Diakonie Hamburg

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Straßensozialarbeiter aus Leidenschaft


 Johan Graßhoff ist 31 Jahre jung. Wenn man ihm länger zuhört, könnte man annehmen, dass er deutlich älter ist. Um Missverständnisse auszuschließen, gemeint ist seine Eloquenz, nicht die Optik, bei der er mit schicker Brille, Dreitagebart und einem Mix aus Iro & Undercut besticht. Seit 2014 ist er als Straßensozialarbeiter für obdachlose Menschen auf den Straßen Hamburgs unterwegs. Rund um den Hauptbahnhof bis zum Michel. Zusammen mit einer Kollegin ist er Ansprechpartner für hilfsbedürftige Obdachlose und begleitet diese bei Gängen zu sozialen und medizinischen Einrichtungen. Kurz gesagt, er ist an ihrer Seite und immer für sie da. Wenn er berichtet, wie er sich für die Menschen einsetzt, glaubt man ihm jedes Wort. Auch während dieser Tage, wenn ein Gespräch nur digital stattfindet, funkelt die Leidenschaft in seinen Augen. Offen kritisiert er das Hilfesystem in der Hansestadt. „Ich würde uns nicht als systemrelevant bezeichnen, sondern als systemveränderungsrelevant. Denn in das alte System möchte ich nicht zurück.“

Er ist jeden Tag auf der Straße unterwegs, wenn andere im Homeoffice sitzen. Sein Ziel ist es, das Leben der Menschen auf der Straße zu verbessern und ein solidarischeres Hamburg, ein Hamburg für alle zu ermöglichen.

Seit wann bist du Straßensozialarbeiter und was sind deine Hauptgebiete in Hamburg, in denen du hilfst?

Johan Graßhoff: Seit knapp sieben Jahren arbeite ich als Straßensozialarbeiter für obdachlose Menschen in der Hamburger Innenstadt. So heißt auch das ganze Projekt. Ich bin beim Diakonischen Werk angestellt und wie man dem Projektnamen auch schon entnehmen kann, zuständig für die Hamburger Innenstadt. Jetzt ist die Frage: Was ist die Hamburger Innenstadt? Mein Arbeitsgebiet, was ich zusammen mit einer Kollegin abarbeite, ist das Gebiet vom Hauptbahnhof in Richtung Spitalerstraße und Mönckebergstraße. Dazu gehören auch der Rathausmarkt und der Jungfernsteig, und die Neustadt bis zum Gänsemarkt, die Caffamacherreihe, dort wo das Pik As, eine der Heimstätten für obdachlose Menschen ist. Genau das ist unser Gebiet, wo wir reine Straßensozialarbeit leisten. Ansonsten bin ich auch in ganz Hamburg unterwegs, weil wir als Straßensozialarbeiter*innen häufig gebeten werden, Menschen bei verschiedenen Gängen zu diversen Institutionen, zum Beispiel zu Behörden oder zu Krankenhäusern zu begleiten. Die reine Straßensozialarbeit findet in dem Gebiet was ich gerade erklärt habe, statt. Dort haben wir auch eine explizite Zuständigkeit. Das heißt, es gibt den so genannten Hotline und Mail-Service, vielleicht habt ihr davon schon mal gehört. Dort können besorgte Bürger*innen anrufen und sagen: „Diese Person braucht Hilfe!“, oder: “Ich wünsche mir, dass sie Hilfe bekommt.“ Dann werden verschiedene Straßensozialarbeiter*innen je nach Zuständigkeit, über die Hotline informiert.

Was hat sich seit Corona maßgeblich an Eurer Arbeit verändert?

Johan: Ziemlich viel. Corona war sehr einschneidend, vor allem für obdachlose Menschen. Das Hilfe-System ist, sagen wir mal so, eingeschränkt nutzbar gewesen. Es ist immer noch eingeschränkt nutzbar. Wir sind nicht zuhause geblieben. Seit dem 16. März 2020 waren wir weiterhin aktiv auf der Straße unterwegs. Natürlich waren wir wie alle sehr verunsichert. Wie soll man sich jetzt richtig verhalten? Wir haben Schutzkleidung getragen, das heißt Masken und Handschuhe. Wir hatten Desinfektionsmittel dabei zum Verteilen, Masken zum Verteilen. Das war am Anfang auch ein bisschen schwierig, weil erstmal die ganzen Schutzmittel natürlich besorgt werden mussten. Da gab es am Anfang sehr große Engpässe, wo wir als Wohnungslosenhilfe glaube ich nicht an erster Stelle standen, würde ich jetzt mal behaupten. Wir haben am Anfang von Corona Aufklärung gemacht. Was ist eigentlich Corona? Wie kann man sich davor schützen, was sind die Ansteckungsmechanismen und so weiter.

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Also was ist der Virus überhaupt, das haben wir auf verschiedenen Sprachen gemacht. Und wir waren vor allem auch auf der Straße als Infogeber viel unterwegs, weil viele Hilfseinrichtungen veränderte Öffnungszeiten hatten, oder geschlossen gewesen sind. Dementsprechend hat sich die Situation manchmal auch tagtäglich verändert. Wir haben also sogenannte Nothilfe auf der Straße am Anfang von Corona geleistet. Wir haben unter anderem Geld auf der Straße verteilt, im April/Mai, als alle Geschäfte geschlossen hatten. Die Einzigen, die auf der Straße übriggeblieben sind, waren bedürftige, arme und obdachlose Menschen. Dadurch sind sie noch sichtbarer geworden. Viele waren verzweifelt und hilflos, weil quasi ja all die Grundbedürfnisse, die man als obdachloser Mensch tagtäglich befriedigen muss oder auch benötigt, von heute auf morgen weggebrochen sind. Dabei geht es auch um Einnahmequellen durchs Betteln, oder Hinz & Kunzt verkaufen.

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Zusätzlich ist noch dazu gekommen, dass viele Behörden ja auch eingeschränkt erreichbar sind, Jobcenter und andere Behörden quasi gar keine Sprechstunde mehr vor Ort hatten, da alles nur noch telefonisch oder digital abläuft. Unser Büro was quasi auf der Straße. Wir haben Anträge von der Straße aus gestellt, Fotos gemacht von den Ausweisen, Dokumente eingescannt und an die Jobcenter geschickt. Das hat sich nochmal sehr stark verändert. Wir haben bemerkt, dass das Hilfesystem weiterhin nicht bei 100 Prozent ist das heißt viele Beratungsstellen haben ihre Arbeit eingeschränkt, sodass die Obdachlosen vermehrt auf uns zugekommen ist, weil wir immer noch weiter erreichbar gewesen sind. Wir haben einfach bemerkt, dass viele Menschen trotz Corona und jetzt vor allem auch in der kalten Winterzeit natürlich weiter nicht in die Unterkünfte gehen, sondern diese meiden, auch aus Angst vor Ansteckung mit Corona. In Massenunterkünften ist das Thema Infektionsschutz und Abstand halten ziemlich schwer.

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Wir haben weiterhin eine sehr angespannte Stimmung auf der Straße. Die Leute sind müde. Sie sind auch sehr gereizt, weil es kaum Orte gibt, wo man sich am Tag ausruhen kann. Viele Einrichtungen haben eine beschränkte Platzzahl. Wir waren auch häufig Blitzableiter. Wir müssen uns da so Einiges anhören. So ist meine Perspektive als betroffener Sozialarbeiter, häufig eine Stimme der obdachlosen Menschen. Ein Teil unserer Arbeit ist Lobby, zum Beispiel anwaltliche Vertretung. Das hat sich auch nochmal stark verändert in den letzten Monaten, wir haben versucht medial und in der Öffentlichkeit und politisch quasi Druck auszuüben, um Verbesserungen für Obdachlose Menschen zu bewirken. Um für bessere Unterbringungssysteme zu kämpfen. Was ich jetzt fast wieder vergessen hätte: wo ich aktiv auch gerade drin bin, wir haben Hotelunterbringung organisiert. Wir waren als Straßensozialarbeiter*innen sehr stark involviert in der sogenannten Hotelunterbringung im Frühjahr und jetzt aktiv im Winter. So dass wir die Menschen in Einzelzimmern direkt von der Straße bedingungslos in diversen Hotels unterbringen konnten. Das war auch nochmal neu.

Wie finanziert sich die Hotelunterbringungsaktion und wie sind die Kapazitäten?

Johan: Die Hotelunterbringungen sind weiterhin spendenfinanziert. Das Schöne ist, dass das zivilgesellschaftliche Engagement eigentlich noch ein bisschen stärker geworden ist, es sogar noch ein bisschen gewachsen ist. Das heißt, es gibt nicht nur ein Hotelprojekt, sondern ich glaube jetzt an die sechs Initiativen haben Geld gesammelt und bringen obdachlose Menschen unter. Da ist einmal das große Projekt, wo ich auch arbeite, Diakonie, Caritas & Hinz & Kunzt, dass auch im Frühjahr schon dieses Kollektiv war. Aber es gibt auch andere Organisationen, wie Straßenblues, Go Banyo und Hanseatic Help, die sich auch im Kollektiv zusammengeschlossen haben. 20 obdachlose Personen haben sie in einem Bettenpark untergebracht. Im Hostel, angemietet vom Cafée mit Herz, bringen Sie auch Leute unter.

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Leben im Abseits bringt unter und die Bergedorf Engel auch. Das sind alles ehrenamtliche Initiativen, die quasi Geld gesammelt haben, um obdachlose Menschen unterzubringen. Ich glaube derzeit sind um die 169 Personen in Hotelzimmern untergebracht. Die Stadt verweigert weiterhin, sich da in irgendeiner Art und Weise zu beteiligen, sei es finanziell oder auch mit personaler Unterstützung. Erst seit Anfang der Woche wurde einer Härtefallunterbringung in 35 Einzelzimmern zugestimmt, bei Fördern und Wohnen. Im Hotel unterbringen wollen sie weiterhin nicht.

Das ist eine gute Überleitung zu der Anzahl an obdachlosen Menschen, die 2018/2019 einmal mit ca. 2000 Personen beziffert wurde. Wie ist da Deine Einschätzung, hat sich diese Zahl verändert?

Johan: Die sichtbare Obdachlosigkeit hat auf jeden Fall zugenommen. Das stellen wir schon seit der Zählung von 2018/2019 fest. Schon damals haben wir vor der Zählung gesagt, wir schätzen zirka 2000 Obdachlose Menschen auf der Straße. Jetzt bei der Zählung glaub ich, waren es genau 1910, plus Dunkelziffer. Da ist die verdeckte Wohnungslosigkeit und „Sofahopping“, gar nicht mitgezählt. Durch Corona sind vor allem auch Menschen, die bisher wohnungslos gewesen sind, schnell in die Obdachlosigkeit gerutscht. Sie konnten vielleicht die Miete nicht mehr bezahlen und sind dann relativ schnell auf der Straße gelandet. Das hat auf jeden Fall zugenommen. Wir treffen auch auf viele Menschen, die wir vorher nicht auf der Straße angetroffen haben. Vor allem auch Menschen, die sich vorher nicht so mit dem Thema Obdachlosigkeit beschäftigt haben, weil sie nämlich eigentlich aus ihrer Perspektive in sehr gesicherten Verhältnissen gelebt haben, also mit eigener Wohnung, eigenem Job. Durch Corona ist dann erst der Job weggefallen und dann ist die Wohnung gekündigt worden. Dementsprechend habe ich einige Menschen auf der Straße angetroffen, die sich das noch nie vorstellen konnten, dass sie irgendwie wann mal auf der Straße landen. Dadurch auch nochmal bisschen verzweifelter waren, weil der Umstand quasi umso größer war.

Wie schätzt Du die Versorgungslage in Hamburg jetzt während der kalten Wintermonate ein? Man liest in der Presse und auch in den Hinz & Kunzt News inzwischen von diversen Kälte-Toten. Woran mangelt es?

Johan: Es gibt immer mehr Tote auf der Straße, seit 31.12. sind es acht. Also bis zum 16. Januar und seit Dezember sind es zwölf, also ist schon eine enorme Zahl. Die sind jetzt nicht alle an Erfrierung oder ähnlichem gestorben, aber zumindest durch die soziale Kälte verstorben. Woran fehlt es? Es geht nicht immer nur um eine reine Grundversorgung bei obdachlosen Menschen. Als Grundversorgung zum Beispiel die Essensversorgung, Duschen und Kleiderkammern. Die Möglichkeiten sind schon sehr viel weniger geworden. Vor einem Jahr waren die auch noch nicht bei hundert Prozent. Dementsprechend hat sich die Lage weiter zugespitzt. Ich glaube, woran es so richtig fehlt, ist eigentlich ein Dach über dem Kopf. Ihnen fehlt ein Ort, wo sie sich sicher fühlen.

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Wir merken es jetzt auch gerade ganz stark bei der Hotelunterbringung: Dieses Angebot von einem Einzelzimmer, wo man seine eigenen vier Wände hat, wo man sein eigenes Zimmer bekommt und einen eigenen Schlüssel hat, und sich in sein eigenes Bett legt. Das ist für uns selbstverständlich. Was das aber für einen riesigen Unterschied macht, ist unglaublich. Die Menschen, denen ich das anbiete, nehmen es unheimlich gut an und man sieht nach wenigen Tagen schon eine wahnsinnig große Veränderung. Chris (Anm. d. Red: Hinz & Kunzt Stadtführer) hat euch ja wahrscheinlich auch erzählt, dass das Leben auf der Straße ist permanenter Stress ist und krank macht. Auf der Straße kommen auch Suchterkrankungen dazu, wie Alkohol oder Drogensucht, eventuell kommen andere Erkrankungen dazu. Eigentlich muss ich mich immer um den morgigen Tag kümmern. Ich muss gucken wo schlaf ich, wie verdiene ich mein Geld. So ein gesicherter Ort, also ein Dach überm Kopf, wo die Menschen zur Ruhe kommen können, entzieht diesen Stress erstmal ganz stark. Die Leute können sich auch ganz anders auf ihre Wünsche, Träume oder auch ihre Schwierigkeiten konzentrieren. Was eigentlich auch irgendwie selbstverständlich erscheint, aber anscheinend sieht das die Stadt immer noch nicht. Dementsprechend ist es glaub ich so, dass wir auf der Ebene der Grundbedürfnisse anfangen müssen. Es ist so, dass da weiterhin ein großer Bedarf ist an Duschmöglichkeiten, Essensversorgung und an Beratung da ist. Und natürlich fehlt es an Möglichkeiten für ein Dach über dem Kopf. Einem Ort, wo man sich sicher fühlt, dass finde ich sogar wichtiger als die Grundbedürfnisse.

Die Hotelunterbringung im Frühjahr hat auch gezeigt, dass es funktioniert. Wenn Hotelbetreiber sagen, dass sie gar keinen Unterschied zu Touristen, die sonst das Jahr über da sind, ist das Bestätigung genug. Und dann gibt es auch noch gutes Beispiel Bernd sind man ja auch gesehen hat was auf so etwas entstehen kann.

Johan: Ja genau, das kann man natürlich nicht immer generalisieren, weil Obdachlosigkeit letztendlich heterogen ist, aber Bernd ist in dem Fall ein sehr gutes Beispiel, weil er nachdem er in der Hotelunterbringung gelebt hat, eine eigene Wohnung beziehen konnte und jetzt sogar noch einen Arbeitsvertrag hat. Und da sieht man einfach mal wie ausschlaggebend auch dieses Zimmer im Hotel gewesen ist. Das kann man nicht immer auf andere überschreiben, weil die Rahmenbedingungen bei EU-Bürgern oder illegal eingewanderten Menschen nun mal auch ein bisschen anders sind. Aber allein die Zeit, in der wir Menschen im Hotel unterbringen konnten, hat allen sehr gutgetan. Derzeit ist das Paradoxon, dass es bitterkalt ist und die Menschen trotzdem draußen bleiben und nicht ins Winternotprogramm gehen wollen, wo es freie Kapazitäten gibt. Diese Problematik wird von der Stadt nicht ernst genommen, sondern eher im Gegenteil. Es wird behauptet, dass die Menschen ja selbst schuld sind und wer das Winternotprogramm schlecht redet, gefährdet obdachlose Menschen und das ist ein narrativ, was von Seiten der Sozialbehörde sehr gefährlich ist.

Haben sich die Gesprächsthemen mit den Obdachlosen seit Corona verändert?

Johan: Könnte man annehmen aber eigentlich gar nicht so wirklich, weil die Corona Pandemie von vielen eher als ein weiteres Problem gesehen wird, dennoch beobachten wir, dass es jetzt schwieriger ist auf der Straße zu überleben. Vielen ist aber wichtiger, wie man sich schützen kann und woher man Masken bekommt vor allem, weil im Innenstadtbereich die Maskenpflicht herrscht. Dementsprechend haben sich die Gesprächsthemen gar nicht so groß verändert, außer dass es ein bisschen intensiver um das Thema Gesundheit und Hygiene geht. Es geht für obdachlose Menschen aber immer noch eher darum, wie man den Alltag im Hinblick auf die derzeitige Situation gestaltet, wobei Corona nur eine weitere Hürde von vielen ist.

Würdest du sagen, dass Themen wie Angst und Sorgen bei obdachlosen Menschen jetzt mehr im Vordergrund stehen als vor der Pandemie?

Johan: Corona schränkt natürlich auch insofern den Alltag ein, als dass ja auch die Einrichtungen dadurch total betroffen sind und weil die obdachlosen Menschen merken, dass andere noch mehr Abstand zu ihnen nehmen. Es ist eben gerade jetzt das soziale Miteinander, was fehlt. Im Moment ist ja das Paradoxe, dass wir unsere Solidarität mit Abstand zeigen sollen, gleichzeitig aber Abstand und Solidarität im Widerspruch zueinanderstehen. Doch während der Pandemie leiden auch viele obdachlose Menschen unter dieser „Solidarität“, da viele Menschen einen Bogen um sie machen, weil irrtümlich geglaubt wird, dass obdachlose Menschen Krankheiten wie Corona stärker verbreiten würden, obwohl gerade diese zur Risikogruppe gehören. Ich merke das selbst bei meiner Arbeit, auch ich muss Abstand halten aber dieser Abstand lässt sich einfach nicht immer einhalten, weil die Menschen einen Ansprechpartner suchen. Ab und zu werde ich mal gefragt „Johan, kann ich dich mal wieder umarmen?“. Wir sind manchmal also sehr, sehr nah dran und klar hat man dann auch manchmal den Zwang, jemandem die Hand zu geben. Was viele auch oft mitteilen ist, dass sie noch weniger beachtet werden als vorher, was durch Corona nochmals direkter heraussticht.

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Johan: Das lässt sich gar nicht so richtig sagen, weil es mit dem Wissen über die Testkapazitäten zusammenhängt. Bedeutet, je weniger man testet, umso weniger weiß man. Was jetzt seit einigen Monaten möglich ist, und dafür mussten wir schon lange kämpfen ist, dass nun in bestimmten Einrichtungen Schnelltests für obdachlose Menschen angeboten werden, die Symptome zeigen. Außerdem gibt es Quarantäne-Stationen, wodurch man ungefähr abschätzen kann, wie viele obdachlose Menschen an Corona erkrankt sind. Das sind jetzt nicht Massen, aber wir nehmen an, dass die Dunkelziffer höher einzuordnen ist, weil viele einfach nicht getestet werden. Dabei spielt auch eine Rolle, ob und wie man Zugang zu einer Testung bekommt, wenn man nicht krankenversichert ist, was viele nun mal nicht sind. Ich als Straßensozialarbeiter*innen bin zum ersten Mal im Januar in meiner Einrichtung getestet worden, wo wir jetzt einmal wöchentlich einen freiwilligen Test bekommen können. Das aber war für mich viel zu spät, denn hätte das Gesundheitsamt im Falle eines positiven Testergebnis gefragt, mit wem ich in Kontakt war, dann sind das ziemlich viele Menschen. Dementsprechend bin ich froh, dass wir uns jetzt mindestens einmal in der Woche auch ohne Symptome testen lassen können. Es ist wichtig, sich Gedanken darüber zu machen, wo und wie sich obdachlose Menschen schützen können und wie sie an Schutzmaterialien, wie Masken kommen, weshalb ich zurzeit medizinische OP-Masken verteile. Dementsprechend könnte noch mehr Augenmerk daraufgelegt werden, welche Gruppen der Bevölkerung eigentlich Zugang zu den Beständen haben müssen. Glücklicherweise erfahren wir aber großes Engagement in Form von Spenden von Firmen oder Privatpersonen.

Gab es ein prägendes Ereignis während der Pandemie, welches dich nicht mehr loslässt?

Johan: Eine gute Frage. Letztendlich ist jeder Tag, den ich auf der Straße verbringe, ein Ereignis, weil ich nie weiß was auf mich zukommt und dementsprechend ist es immer etwas sehr positives, wenn ich Menschen nachhaltig Wohnräume vermitteln kann. Es gibt aber auch viele kleine Dinge, die ich als Straßensozialarbeiter*innen als sehr positiv auffasse. Zum Beispiel, dass die Menschen Hilfe von mir annehmen oder dass sie bereit sind, sich selbst wieder vertrauen zu können. Zugleich sind aber auch Dinge, wie die Finanzierung der Monatsfahrkarten oder die Hotelunterbringung, die zeigt, was so ein Dach über dem Kopf eigentlich alles verändern kann, entscheidend. Letztendlich ist es aber immer ein Start, also es ist nicht so, dass man sagen kann mit dem Dach über dem Kopf ist alles vorbei und alles erledigt, sondern es ist eigentlich der Startpunkt in eine nachhaltige Perspektive für die Menschen. Heute war ich froh, dass ich eine obdachlose Frau, die unsere Hilfsangebote bisher abgelehnt hat, im Hotel unterbringen konnte.

Würdest du sagen, dass dich solche Dinge im Job am Leben halten, wenn man betrachtet, dass ihr mit sehr harten Themen konfrontiert werdet?

Johan: Unsere Arbeit auf der Straße oder in der Wohnungslosenhilfe kann manchmal sehr frustrierend sein. Darunter fällt auch die Situation, wenn ein Mensch, mit dem man eng zusammenarbeitet und mit dem man gemeinsam viele Schritte nach vorne gemacht einen Rückfall hat. Auf der Straße ist es aber auch so, dass wir nicht immer mit offenen Armen empfangen werden. Das heißt in dem Erstgespräch und den ersten Kontakten werden wir sehr misstrauisch und skeptisch beäugt und manchmal auch physisch und verbal angegriffen, häufiger, aber verbal als physisch und deswegen muss schon ein dickes Fell haben. Da hilft es schon, sich mit Kolleginnen und Kollegen auszutauschen und auch andere Dinge in der Freizeit zu machen, um sich so ein bisschen abzulenken. Aber Corona hat nochmal sehr deutlich gezeigt, dass es bei der Arbeit mit obdachlosen Menschen eher an den Rahmenbedingungen und am Hilfesystem scheitert, anstatt an den Menschen an sich. Deswegen bin ich manchmal froh, dass ich da der Blitzableiter bin, weil ich das dann nämlich weiterleiten kann, indem ich sehr viel Kraft daraus gewinne, das Hilfesystem zu hinterfragen und das in die Öffentlichkeit zu tragen und zu sagen „Hey, hier muss sich etwas grundlegendes ändern.“

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Ich kämpfe für die Rechte obdachloser Menschen und dafür bin ich auch da, wodurch ich diese empfangene Wut umlenken kann. Ich merke schon, dass viele Kolleginnen und Kollegen und da zähle ich mich dazu, langsam etwas müde werden. Ich weiß nicht, wie lange wir das unter diesen Umständen aushalten und dabei sind wir nicht die einzige Berufsgruppe, der es so geht. Auf jeden Fall ist bei einigen auch eine psychische Müdigkeit hinzugekommen, was im Umkehrschluss auch mit den Kapazitäten und der Ausstattung der jeweiligen Einrichtung zusammenhängt. Wir waren nicht im Homeoffice, sondern tagtäglich draußen unterwegs, weshalb ich uns schon zu Daseinsfürsorge zähle, obwohl die Politik und die Gesellschaft das vielleicht nicht immer so sieht. Deshalb nenne ich uns nicht systemrelevant, sondern systemveränderungsrelevant, weil ich nicht in das System zurück möchte, was vor Corona war. Wir sehen jetzt ganz viele Dinge unter einer Lupe und ich hoffe, dass man so bei vielen anderen Bereichen genauer hinschaut, um den Entschluss zu fassen, dass sich dort etwas verändern muss. Das ist der Mut, den ich daraus schöpfe. Ich bin aber auch realistisch und weiß, dass das noch ein bisschen dauern wird.

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Sollte in diesem Jahr 2021 Corona unsere größte Sorge sein oder die Angst davor unsere Menschlichkeit zu verlieren?

Johan: Definitiv die Angst davor unsere Menschlichkeit zu verlieren, ist glaube ich das, was für mich im Mittelpunkt steht. Ich befürchte, dass im Laufe der nächsten Jahre noch weitere Pandemien oder ähnliche Ereignisse auf uns zukommen werden und ich sehe, trotz einer großen Bereitschaft in der Bevölkerung Hilfe zu leisten, eine große Entsolidarisierung. Die Pandemie, in der wir uns derzeit befinden, trifft uns zwar alle, aber die Auswirkung fallen alle sehr unterschiedlich aus. Die Menschen, die vor allem von Armut betroffen sind, trifft es meines Erachtens sehr viel stärker als Menschen, die vermögend sind. Das Thema Mitmenschlichkeit und das Thema Solidarität, da sehe ich Tendenzen, dass diese Themen nicht mehr als selbstverständlich angesehen werden. Ich habe die Sorge, dass wir in naher Zukunft uns noch weiter in eine „Ego-Gesellschaft“ weiterentwickeln, wo ein jeder sich der Nächste ist und Mitmenschen kaum noch wahrgenommen werden. Das beobachte ich sowohl politisch als auch gesellschaftlich immer stärker. Die Ellenbogengesellschaft bzw. Leistungsgesellschaft sind präsenter denn je und dabei rückt die Solidarität immer mehr in den Schatten.