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Jan Marquardt: CaFée mit Herz

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Das CaFée mit Herz


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Sankt Pauli, U-Bahnhof, die eiskalten minus 6 Grad rauben dem Körper jede Müdigkeit. Wir sind aus Richtung vom Hafen gekommen und sehr kühler Wind fegt über die Hafentreppe runter. Ich war schon beeindruckt, wieviel Schnee dort über Nacht gefallen ist. Weiter geht es zum Cafée mit Herz. Wir treffen uns heute mit dem Geschäftsführer Jan Marquardt. Eine der ersten Informationen, die wir erfahren, ist wie das Cafée schon im ersten Lockdown von hilfsbedürftigen Menschen überrannt wurde. Und dort war es deutlich wärmer als jetzt. Uns stockt der Atem, wenn er von Menschen erzählt, die wirklich nicht wussten, wohin mit sich als es losging mit Corona. Für viele Hilfsbedürftige ist das Cafée schon immer ein Hafen und Anker zugleich gewesen. Die guten Erfahrungen der Menschen dort sprach sich schnell rum, dass sie jedem helfen und nicht irgendwie kategorisieren. Ohne viel Papierkram oder Nachfragen. Wir machen Bilder vom Eingang und stehen vor dem Gebäude und Innenhof der Seewartenstraße; man kriegt kaum bis gar nichts von der Reeperbahn mit. Es ist wirklich ein kleiner Schlupfwinkel, wo Menschen zusammenkommen und sich einfach wohlfühlen und sicher fühlen dürfen. Das CaFée hat in der Krise sehr viele Spenden bekommen, mehr als sonst. Der Aufenthaltsraum wurde zwischenzeitlich als Lager verwendet, da sie gerade zu Anfang von Corona mit Spenden überhäuft wurden. Natürlich freuten sich alle. Jan Marquardt erzählt, wie sich die Zeiten in der Krise verändert haben. Als Hotels bei ihm anriefen, um ihm Lebensmittel und fertig gekochtes Essen vorbeizubringen. Gab das CaFée vor der Krise 1000-1200 Essen in der Woche heraus, waren es zu Pandemiezeit fast 3000 Mahlzeiten.

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Das Klientel der Gäste ist sehr durchmischt erzählt uns Jan. Das CaFée ist ärztlich sehr gut versorgt. Es gibt eine eigene Arztpraxis, eine Kooperation mit der Asklepios Universität. Dort dürfen Studenten, die fast fertig mit dem Medizinstudium sind, anderen Menschen helfen und sie versorgen und das ohne Versichertenkarte. Das CaFée hat sogar eine Zahnarztpraxis eingerichtet. Auf der Straße ist die Zahnpflege generell ein ganz großes Problem. Die Zahnpflege und die allgemeine Hygiene werden eigentlich am meisten vernachlässigt. In der Zahnambulanz kann wenigstens erste Hilfe geleistet werden. Wir werden von Jan Marquardt durch das Gebäude geführt. Wir kommen an eine Kleiderkammer vorbei, vollgepackt mit Klamotten, Schlafsäcken und einer Menge Isomatten. Die dicken Jacken sind natürlich gerade sehr begehrt. Das CaFée mit Herz ist mit Jan Marquardt der soziale Hafen Hamburgs und der soziale Hafen Sankt Paulis. Hier wird jeder so akzeptiert, wie er ist. Mensch sein definiert sich nicht über den Glauben, Dogmen oder durch irgendwelche Sozialisierungen, sondern vielmehr durch die Gleichwertigkeit eines Jeden. So wird eben hier auch jeder gleichbehandelt. Jeder bringt seine eigene Geschichte mit. Die Stadt Hamburg hat auf dem Hof ein Militärzelt aufgestellt, damit die Leute gerade jetzt während der kalten Monate sich irgendwo unterstellen können. Der Andrang der Hilfsbedürftigen war und ist einfach riesig erzählt uns Jan im Interview.

Hallo Jan, erzähl doch mal, wer du bist und was du machst.

Jan Marquardt: Gerne, ich bin seit September 2019 mit viel Engagement und Spaß als Geschäftsführer beim CaFée mit Herz e.V., wo ich seit gut anderthalb Jahren in einem total spannenden und neuem Aufgabenfeld täglich immer wieder neue Dinge lerne.

Was würdest du als Geschäftsführer sagen, zeichnet das CaFée mit Herz aus?

Jan: Das CaFée mit Herz ist ein Anlaufpunkt für obdachlose und sozial bedürftige Menschen. Wir helfen, ohne zu fragen, wo man herkommt oder warum man hier ist. Wer hier ist kriegt Hilfe, so einfach ist das. Das CaFée mit Herz ist ein gemeinnütziger Verein, der komplett spendenfinanziert ist, bedeutet also, dass wir keine staatlichen Gelder bekommen. Wir haben keine finanzstarke Dachorganisation, wie die Diakonie oder die Caritas, die bei Bedarf mal einen Check rüberschickt, wenn es eng wird. Jeder Euro, der heraus geht, wird auch vorher als Spende erworben und das macht das Ganze für mich auch so sympathisch. Hier wird Hilfe aus der Mitte der Gesellschaft heraus für die Gesellschaft geleistet und das ist eine sehr schöne Sache. Unterstützung bekommen wir dabei durch Spenden von einzelnen Bürgern, Vereinen, Firmen und von Stiftungen und gerade jetzt in der Coronazeit auch von Hotels, Restaurants, Cateringfirmen oder Betriebskantinen. Die Unterstützung die wir hier bekommen ist ganz toll und das schon seit der Gründung vor 21 Jahren. Weil wir keine Dachorganisation haben, haben wir auch keine Förderrichtlinien, denen wir unterliegen, wodurch wir frei agieren können. Wir können also die soziale Hilfe immer im Rahmen der Gemeinnützigkeit ausüben, wodurch wir frei, individuell und situativ entscheiden können, in welcher Form Hilfe notwendig ist.

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Beispielsweise konnten wir einen Obdachlosen mit einer Fahrkarte zu seiner Familie in Bayern unterstützen. Der Preis ist uns egal, wir machen es einfach. Dies sind Sachen, die wir neben den normalen Angeboten, wie der Ausgabe von Frühstück und Mittagessen, Duschen, ärztlicher Betreuung, einer Poststelle oder der Kleiderkammer zur Verfügung stellen. Dann haben wir auch noch eine Sozialberatung, das heißt wir fahren mit unserem Versorgungsfahrzeug, das gleichzeitig als Büro konzipiert wurde, raus, wodurch wir den Papierkram der Bedürftigen direkt vor Ort machen können, falls man nicht zu uns in CaFée mit Herz kommen kann. Das ist ein wichtiger Baustein unserer Arbeit, denn wir wollen die Menschen nicht nur versorgen, sondern tragen auch dafür Sorge, dass die Leute in das staatliche Hilfssystem reinkommen, beziehungsweise wieder zurückkommen, was häufig mit ganz banalen Dingen, wie dem Personalausweis anfängt.

Dafür haben wir im Oktober letzten Jahres ein Wohnprojekt nach dem Prinzip „Housing First“ begonnen, für das das CaFée mit Herz sechs Wohnungen angemietet hat. Um die obdachlosen Menschen dabei zu begleiten und zu unterstützen, haben wir extra eine Sozialarbeiterin eingestellt, die sich um eine engmaschige Betreuung kümmert, um sie innerhalb von 12 - 18 Monaten wieder in die Eigenständigkeit begleiten zu können. Das heißt wir bringen erstmal die Papierlage in Ordnung, indem wir Ausweis und Zuschüsse beantragen. Dann versuchen wir einen Job zu finden oder basteln an der Qualifikation rum, um anschließend eine eigene Wohnung oder Unterkunft zu finden.

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Wie organisiert sich das CaFée mit Herz mit seinen Mitarbeitern?

Jan: Wir haben sechs festangestellte Mitarbeiter, die bei uns vor allem in der Verwaltung arbeiten. Wir haben aber auch Küchenpersonal und Sozialarbeiter. Unser Koch arbeitet gleichzeitig in einer Seniorenhilfe und freut sich dort seinen Beitrag zur Altersarmut zu leisten. Ansonsten haben wir einen Stamm von zirka 30 ehrenamtlichen Helfer*innen, wovon zehn selbst obdachlos sind oder obdachlos waren. Zudem haben wir durch die Übernahme des Kältebusses und des Gesundheitsmobils der Ali Maus einen großen Zuwachs an ehrenamtlichen Helfer*innen bekommen. Das sind circa 60 ehrenamtliche Helfer*innen aus den Gesundheitsmobilen. Und zirka 40 ehrenamtlichen Helfer*innen vom Kältebus.

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Wenn man das so richtig deutet, ist das CaFée mit Herz wesentlich flexibler als große Einrichtungen, wodurch viel reaktiver agiert werden kann.

Jan: Absolut. Das Wohnprojekt zum Beispiel ist recht kurzfristig entstanden. Ich habe hier so viele Leute gesehen, bei denen ich mir dachte: „Was machst du hier eigentlich? Du hast so viel Potential, du hast hier gar nichts verloren.“ oder: „Du bist doch so neu in der Obdachlosigkeit, dich kann man noch stoppen, bevor es weiter abwärts geht“. Doch es scheitert meist daran, dass eigener Wohnraum fehlt, wo man einfach mal die Tür schließen kann und für sich ist. Das stabilisiert die Leute erstmal, doch wir möchten gleichzeitig verhindern, dass sie die Füße hochlegen, weshalb wir aktiv dazu auffordern, bei der Veränderung ihrer Lebenssituation mitzumachen. Dabei achten wir darauf, dass man keine 25 Seiten ausfüllen und überall ein Häkchen machen muss, um sich zu qualifizieren. Wenn wir der Meinung sind, dass man da reinpasst, dann kann man da rein. Man muss nur mitmachen, so lernt man Eigenständigkeit und Eigenverantwortung. Dennoch behalten wir uns vor, ein Projekt zu beenden, sofern Treffen oder Abmachungen nicht eingehalten werden. Uns kostet das auch eine Menge Geld, da es nicht gleich so ist, dass die Miete für die Wohnung vom Staat bezahlt wird. Doch selbst, wenn das am Anfang nicht klappt oder überhaupt nicht klappen sollte, ist es auch kein Problem, dann bezahlen wir die Miete.

Wie hast du den 16.03.2020, den Beginn der Pandemie in Deutschland, erlebt?

Jan: An den 16. März habe ich sehr gute Erinnerungen, denn an diesem Tag ist die Welt für die obdachlosen Menschen in Hamburg zusammengebrochen. Schlagartig haben alle Einrichtungen zugemacht und am Montagmorgen auch nicht wieder geöffnet. Das ist etwas, was ich bis heute nicht begreife, denn auf einmal stand für obdachlose und bedürftige Menschen nichts mehr zur Verfügung. Die ganzen üblichen sowie die kirchlichen Einrichtungen waren die, die als erste geschlossen haben und als letzte wieder geöffnet haben. Dieser Stachel sitzt bei mir noch unheimlich tief. Ich behaupte mal, dass kirchliche Einrichtungen ein großes Portfolio an Gemeindemitgliedern haben und da müssen sich bei den tausenden Mitgliedern doch ein paar junge Leute finden lassen, die sich zumindest mal drei Stunden hinstellen, um belegte Brote und Kaffee auszugeben.

Es gab am Morgen des 16. März nichts mehr zu Essen oder zu Trinken, keine Kleiderkammern, keine Duschen oder Toiletten. Bei uns hat sich die Zahl an ausgegebenen Mahlzeiten in dieser Zeit von 1500 auf 2800 pro Woche nahezu verdoppelt. Hinzu kommt, dass wir uns aus Corona Schutzgründen auf ein Kernteam reduzieren mussten, weshalb wir das CaFée mit Herz vom 16. März bis 01. Juni mit sieben Leuten betreiben mussten. Was mich bis heute noch besonders ärgert ist, dass die Einrichtungen noch nicht einmal kritisch zurückblicken. Ich finde es okay, Fehler zu machen, das ist menschlich, aber zumindest sollte man dann auch aus den Fehlern lernen. Hinzu kommt, dass so neben der Versorgung auch die seelische Komponente wegfällt. Dabei haben viele Obdachlose ihre Stammeinrichtung, in der sie jahrelang willkommen waren und wo sie sich Beziehungen aufgebaut haben. Dort standen sie nun vor verschlossenen Türen, weshalb viele obdachlose Menschen in dieser Zeit zu uns gekommen sind. Nachdem wir, während der ersten Coronawelle vom 1. Mai bis 15. Juni 15 Hotelzimmer angemietet haben, haben wir nun seit dem 14. Dezember nochmals 21 Hotelzimmer angemietet, in denen wir obdachlose Menschen bis Ende März einquartieren, damit sie an kalten Tagen nicht im Winternotprogramm in vollen Zimmern unterkommen müssen.

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Ausgabefenster für alle Mahlzeiten

Du erzähltest zu Anfang auch davon, dass Hotels euch unterstützt haben. Wie kam es dazu?

Jan: Wir haben die Hotels angesprochen. Die Kontakte haben wir dann einfach verfolgt, was völlig problemlos funktioniert hat, weil es auch für die Hotels eine Win Win Situation war. Die obdachlosen Menschen haben ein Dach überm Kopf und die Hotels haben ein bisschen Umsatz, um zumindest ihre Fixkosten zu decken. Doch bis heute begreife ich nicht, warum die Sozialbehörde diese Idee nicht aufnimmt und die Obdachlosen in Hotels unterbringt. Es stehen tausende Hotelzimmer in Hamburg leer. Die kriegen alle staatlichen Hilfen, bzw. bekommen sowieso Geld und warum sollen sie dann nicht dafür Gäste aufnehmen? Es ist mir ein Rätsel.

Stefan Karrenbauer, mit dem wir auch schon darüber gesprochen haben, war der gleichen Meinung. Immerhin sprechen wir hier über Schutzraum für Menschenleben.

Jan: Im Winternotprogramm stehen theoretisch genügend Plätze zur Verfügung, denn man muss auch aus einer neutralen Perspektive die derzeitige Lage mit Fairness betrachten. Nur das Problem ist, dass viele Obdachlose möchten Winternotprogramm gehen wollen, weil sie sich dort einem hohen Ansteckungsrisiko aussetzen. Diebstahl ist ein weiteres Thema und nicht jeder ist nach Jahren der Einsamkeit und Alleinsein auf der Platte in der Lage sich mit vielen Menschen in einem Raum zu bewegen. Geschweige denn mit vier oder sechs Leuten in einem Zimmer zu schlafen. Wir sprechen hier also nicht über „Luxusprobleme“, denn viele haben schlichtweg verlernt, mit anderen Menschen auf engstem Raum zu sein.

Würdest du sagen, dass ein kommunikatives Problem zwischen den Notunterkünften und der Behörde besteht?

Jan: Also Ich glaube nicht, dass das ein Kommunikationsproblem zwischen den Einrichtungen und der Behörde ist. Die wissen sehr genau was dort stattfindet. Ich denke das ist ein mangelnder politischer Wille, die Hotels nicht zu nutzen. Zumal es ist ein Anachronismus. Selbst die Hamburger SPD schüttelt den Kopf über die Sozialbehörde und über die Ereignisse in den eigenen Toren. Was fast schon bezeichnend ist, dass vor wenigen Tagen die Linkspartei und die CDU einen gemeinsamen Antrag in der Bürgerschaft eingebracht haben, um sich diesem Thema anzunehmen. Dieser Antrag wurde von Senatorin Leonhard abgelehnt. Und wenn die Linke und die CDU einen gemeinsamen Antrag einbringen, dann ist das schon bemerkenswert. Die sehen die Lage endlich mal pragmatisch. Die sehen das Menschenleben dahinter sowie die Situation, in der wir uns befinden.

Und insofern kann ich nur hoffen, dass bei der Senatorin irgendwann mal die Erleuchtung morgens beim Kaffee kommt. Es meckert sich ja immer leicht. Man muss aber der fairnesshalber sagen, dass wir auch gute Erlebnisse mit der Sozialbehörde hatten und fühlen uns eigentlich grundsätzlich gut unterstützt und wohlgelitten, mal etwas pathetischer ausgedrückt. Nur was das Thema Hotelnotunterbringung für den Coronaschutz betrifft, kann ich nur völlig verständnislos mit dem Kopf schütteln, dass das nicht gleich morgen umgesetzt wird.

Du sagtest eingangs als ihr die erste Welle von Corona mitbekommen habt, haben auch viele Obdachlose und hilfsbedürftige Menschen mit euch Redebedarf gehabt. Haben eure Gäste sich euch gegenüber eher geöffnet und wollten mit euch über ihre Sorgen und Ängste sprechen?

Jan: Wir haben bei unseren Gästen eine starke Verunsicherung durch die Gesamtsituation gespürt. Wir haben gesehen, dass die Leute mehr als sonst in kleinen Gruppen zu uns kamen. Wir haben als Folge dessen auch erlebt, dass Alkohol und Drogenkonsum stark zunahmen, was vielleicht damit zusammenhängt, dass der Konsum für viele als Ventil entgegen ihrer Sorgen dient. Es führte leider dazu, dass das Aggressionspotential dieser Gruppen enorm zunahm. Wir haben im August und September ein Aggressionspotential erleben müssen, wie wir es noch nie erlebt haben. Wir haben ein sehr dickes Fell und wir können auch durchsetzungsstark sein. Wir wissen, dass diese Leute uns im Prinzip gar nicht persönlich meinen, wir sind in dem Fall die Projektionsfläche ihres Ärgernisses. Wir haben in diesem Zeitraum sehr viel Polizei hier gehabt. An der Stelle möchte ich ein großes Lob an die Beamten der Davidwache aussprechen. Die Davidwache hat uns in der Phase vorbildlich unterstützt. Durch die Dauerpräsenz der Beamten in dieser hitzigen Phase bei uns, haben wir die Situation wieder in den Griff bekommen und das Sicherheitsgefühl für unsere Gäste wiederherstellen können.

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Warum das Ganze so eskalierte mit der Aggression ist denke ich darauf zurückzuführen, dass das Unwissen und das nicht darüber Bescheid wissen, wann diese Zeit zu Ende geht, eine tiefe Depression bei vielen Obdachlosen ausgelöst hat. Es ist auch irgendwo eine Kunst in diesem Sinne ein dickes Fell zu entwickeln aber dennoch die Empathie und die Sensibilität für den Menschen dabei nicht zu verlieren. Diese Herausforderung bleibt auch für immer eine Gratwanderung als Helfer, denke ich.

Gab es einen ein positives prägendes Ereignis während der Pandemie für dich?

Jan: Die enorme Hilfsbereitschaft von außerhalb ist ein sehr positives Phänomen, welches uns aufgefallen ist. Man hat uns mit Spenden jeglicher Art gut versorgt und unsere Arbeit überhaupt noch möglich gemacht. Dadurch kamen wir glücklicherweise seit Beginn von Corona nie in die Bredouille in eine Notlage zu geraten und so hat es uns auch immer weiterhin ermutigt für die Menschen da zu sein. Man könnte sagen das war ein gegenseitiger Antrieb. Zu sehen, wie glücklich hilfsbereite Menschen mit ihren Spenden zu uns gekommen sind und wir mit den Spenden arbeiten durften und eben gleich für hilfsbedürftige Menschen da zu sein, gab und gibt uns die tägliche Kraft weiterzumachen.

Gab es ein Ereignis, welches dich enttäuscht hat und nicht mehr losgelassen hat?

Jan: Die Situation mit den kirchlichen Einrichtungen hat mich, seitdem ich davon erfahren habe, nicht mehr losgelassen. Das war und ist es auch heute noch für mich eine riesige Lebensenttäuschung. Wenn jemand in so einer schweren Zeit für die Menschen da sein sollte dann muss es doch die Kirche sein. Schon allein aus dem Grundsatz der christlichen Nächstenliebe heraus. Wenn ich mit und an dem Menschen arbeite dann muss ich doch eine gewisse Risikobereitschaft mitbringen. Man muss nicht gleich bspw. mit dem Leprakranken Mittagessen (ich übertreibe jetzt bewusst), aber ein gesundes Maß an Risiko muss ich bereit sein einzugehen, wenn ich mit Menschen arbeite. Das Versagen der kirchlichen Einrichtungen, das ist für mich ein sehr negatives, prägendes Erlebnis während der Coronazeit gewesen.

Wie ist die derzeitige Stimmung unter den Helfern?

Jan: Die Stimmung an sich ist eigentlich gut. Die Leute, die hier arbeiten, wissen genau wie wichtig ihre Arbeit für die Menschen da draußen ist. Und der kleine Kreis von zehn Obdachlosen, die bei uns ehrenamtlich helfen, die wissen, wie das ist bei uns einen sicheren und urteilsfreien Rückzugsort zu haben. Trotzdem herrscht langsam, aber sicher eine gewisse „Müdigkeit“ durch Corona und es fängt mit den strikten Corona Hygiene-Bestimmungen an zu nerven. Ständigen Abstand zu wahren und auf die Hygiene zu achten ist teilweise kaum umsetzbar. Es reicht allmählich allen Mitwirkenden bei uns mit dieser Pandemie.

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Sollte Corona unsere größte Sorge sein oder die Angst davor, unsere Menschlichkeit zu verlieren?

Jan: Aus dem Bauch heraus gesprochen würde ich sagen, sollte die größere Sorge die Angst davor sein, unsere Menschlichkeit zu verlieren. Denn durch Menschlichkeit können wir alle Krisen durchleben. Corona hat uns wieder Demut vor dem Leben gelehrt und der eine oder andere, der sich durch materielle Dinge definiert oder durch seine Karriere, kommt durch Corona wieder etwas auf den Boden der Tatsachen. Ich glaube es ist auch wichtig in unserer heutigen Gesellschaft, dass Mutter Natur uns Menschen Grenzen aufzeigt und uns eben, wie bereits gesagt, Demut vor dem Leben lehrt. Damit klarzukommen, tut dem einen oder anderen gut, um nach Corona vielleicht mit einem etwas anderen Blick durch die Welt zu gehen.