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Interview mit Caritas-Sozialarbeiter Sören Kindt 


Der Wohlfahrtverband Caritas stellt mit seinem Schwerpunkt Armut und Obdachlosigkeit gleich mehrere Angebote bereit: Ein Zahnmobil und eine Zahnambulanz, ein Krankenmobil und eine ambulante Arztpraxis, die Krankenstube und viele mehr. Wir unterhielten uns mit dem Sozialarbeiter Sören Kindt über die pandemiebedingte Situation von Wohnungslosen. Er ist in der Krankenstube der Caritas tätig und hat etwas zu sagen über Ängste, menschliche Bedürfnisse und die Gesundheit wohnungsloser Menschen.

Was sind die wichtigsten Angebote, die ihr als Caritas für die Obdachlose anbietet?

Der Kreisverband hat im Kontext Wohnungslosenhilfe ein Schwerpunkt auf medizinische Angebote. Dazu gehört als aufsuchendes Angebot das Krankmobil, also quasi eine Arztpraxis in einem Kleintransporter.

Vor über 20 Jahren hat man aber festgestellt, dass es unter den gegebenen hygienischen Bedingungen und allgemeinen Lebensbedingungen Sachen gibt, die auf der Straße nicht wirklich heilen. Da braucht man ein anderes Angebot, damit sich die Leute ausruhen, zur Ruhe kommen und von dort aus Perspektiven für ihr Leben abseits der Straße entwickeln. Hierfür haben wir das Projekt der Krankenstube gegründet. Im Normalfall hat dieses Projekt 20 Betten für Menschen, die in Hamburg obdachlos sind. Wenn du oder ich uns das Bein brechen, sind wir normalweise ein paar Tage im Krankenhaus und können meistens relativ früh nach Hause und uns in der eigenen Häuslichkeit auskurieren. Und genau diese Häuslichkeit fällt bei diesen Menschen weg, das gibt es nicht.

"Unser Gesundheitssystem funktioniert aber nun mal nach der Logik, dass ein Großteil des Heilungsprozesses in der Häuslichkeit erfolgen kann."

In der Krankenstube geht es um die Kompensation davon. Außerdem haben wir ein psychiatrisches Angebot, eine ambulante Arztpraxis sowie das Zahnmobil und eine Zahnambulanz. All diese Angebote sind insbesondere zugänglich für Menschen die obdachlos sind, aber auch für Personen, die keine Krankenversicherung haben. Das sind dann häufig Menschen, die aus der gesetzlichen oder privaten Krankenversicherung gefallen sind oder solche, die sich illegalisiert ohne Papiere hier aufhalten.

Wird das Angebot der Caritas in der aktuellen Pandemie verstärkt angenommen?

Eine erhöhte Nachfrage gibt es nicht. Vielmehr ist es tatsächlich so, dass Menschen aus unterschiedlichsten Gründen eher nicht mehr ankommen – das gilt für alle medizinische Angebote. Wir haben hier in der Krankenstube beispielsweise das Problem, dass wir aufgrund der räumlichen Gegebenheiten die Kapazitäten einschränken müssen. Es sind also nur noch 14 Plätze, die wir hier anbieten können, damit wir die Zimmer nicht zu dicht belegen und das Infektionsrisiko minieren können.

Ist die Angst vor dem Virus ein Grund dafür, dass die Menschen die medizinischen Angebote eher meiden?

Davon müssen wir ausgehen. Es gibt Menschen, die auch die Schlafangebote nicht nutzen, weil sie Angst haben, sich dort anzustecken. Gleichzeitig muss man auf der anderen Seite erwähnen, dass viele Menschen sagen: meine Lebenssituation war auch vor Beginn der Pandemie schlecht und sie ist immer noch genauso schlecht.

Was ist die größte gesundheitliche Sorge von obdachlosen Menschen?

Es ist sehr individualisiert, weil es bezüglich der Gesundheitsversorgung verschiedene Aspekte gibt. Da geht es einmal darum: wie kann ich meine Hygiene aufrechterhalten? Das ist ein Problem, weil es besonders zu Beginn der Pandemie keine ausreichenden Duschangebote gab. Das ist übrigens immer noch sehr eingeschränkt. Es kommt aber stark darauf an, was ich habe: habe ich eine Wunde? Habe ich Diabetes? Prinzipiell schaffen wir es bei uns bekannten chronisch kranken Menschen die Versorgung weiterhin zu gewährleisten. Um auf die Frage zurückzukommen: eine größte gesundheitliche Sorge ist schwierig zu benennen, weil es einfach sehr heterogen ist.

Sind Menschen auf der Straße gefährdeter hinsichtlich ihres Immunsystems?

Wir wissen, dass Menschen, die auf der Straße leben, im Vergleich zur Restbevölkerung einen schlechteren Gesundheitszustand haben. Häufig ist er sogar deutlich schlechter, weil die Lebensbedingungen einfach viel belastender sind: der Stress, die Gesundheitsversorgung, die ganze prekäre Situation.

"Aus Studien des UKE wissen wir, dass obdachlose Menschen in Hamburg durchschnittlich 30 Jahre vor der Normalbevölkerung versterben, also Ende 40."

Wir können davon ausgehen, dass die Gruppe der Menschen, die chronifiziert auf der Straße leben und von Armut bedroht sind, eine viel vulnerablere Gruppe ist als die durchschnittliche Bevölkerung.

Wir schützen uns unter anderem durch Masken, Desinfektionsmittel und regelmäßiges Händewaschen vor möglichen Ansteckungen. Gibt es für wohnungslose Menschen Anlaufstellen, die ausreichend Masken und Desinfektionsmittel zur Verfügung stellen?

Wir geben in unseren Angeboten Mund-Nasen-Schutz aus. Das Problem ist: den Menschen mangelt es an Geld. Das Geld wird vorrangig natürlich nicht für den Mund-Nasen-Schutz und Desinfektionsmittel ausgegeben, sondern halt zum Überleben. Die Hilfelandschaft macht es vielfach aus eigenen Mitteln, dass sie Mund-Nasen-Schutz verteilen. Im Frühjahr haben wir zwar von der Sozialbehörde Spenden bekommen für persönliche Schutzausrichtungen mit Mund-Nasen-Schutz. Die waren aber vorrangig für das medizinische Personal und Pflegefachkräfte gedacht.

Um auf das häufig vernachlässigte Thema der Psyche von wohnungslosen Menschen zu kommen: Wie wirkt sich die Pandemie auf die psychische Gesundheit der Menschen auf der Straße aus?

Der Hauptaspekt ist der Punkt, dass Menschen noch stärkere Vereinsamung erleben als ohnehin schon. Eine im Frühjahr 2020 erstellte Studie des UKE beschäftigte sich unter anderem mit der psychischen Gesundheit von wohnungslosen Menschen und da war ganz klar zu sehen:

"Im Vergleich zum Rest der Bevölkerung leiden wohnungslose Menschen massiv unter Einsamkeit."

Einige beschreiben auch, dass sie seit der Pandemie noch mehr gemieden werden als vorher, also ein noch größerer Bogen um sie gelaufen wird. Das nehmen sie natürlich auch wahr. Ich nehme an, die psychischen Erkrankungen werden - so wie bei der Allgemeinbevölkerung auch - nochmal zunehmen.

Wenn die negativen Auswirkungen der Pandemie bei wohnungslosen Menschen viel stärker und offensichtlicher zutage treten, müsste die Hilfe für diese Gruppe doch eigentlich gestiegen sein. Kannst du das bestätigen?

Die Stadt würde sagen, dass sie mehr Mittel bereitstellt. Über den Winter sind das Kosten von 10 Millionen Euro, was eine Menge Geld ist. Aber gerade zu Beginn der Pandemie hatten wir auf einmal Tagesaufenthalte zu, die Menschen hatten wenig Möglichkeiten sich irgendwo in Ruhe aufzuhalten und zu waschen, die Lebensmittelversorgung und die medizinische Versorgung war erschwert. Die Stadt hat dann aber zum Beispiel das Winternotprogramm den ganzen Sommer über offengelassen und gesagt: es gibt weiterhin Angebote für Menschen, die das annehmen können. Sie stellen auch weiterhin erhöhte Platzkapazitäten.

Meine Aufgabe ist es aber, die Interessen der Menschen zu vertreten, die zu den vulnerabelsten Personen unserer Gesellschaft gehören. Deshalb muss ich auch sagen, dass viele Menschen dieses Angebot nicht annehmen können. Gerade in der Pandemie ist es so, dass Menschen Angst vor Ansteckungen haben, wenn ich sie an einem Ort versammle. Schon vor der Pandemie waren die Massenunterkünfte für viele Personen einfach nicht zumutbar, sei es aus psychischer Belastung oder der Angst beklaut zu werden. Die Lösung der Massenunterbringungen auf engem Raum ist zum einen ein gesundheitliches Problem. Zum anderen kommen die Menschen dort auch nicht zur Ruhe, sodass sie keine Perspektiven entwickeln können, um von der Straße zu kommen.

Damit sind wir auch schon beim großen Thema Wohnraum. Gibt es mögliche Lösungen, die sich an den Bedürfnissen der betroffenen Menschen orientieren?

Wir fordern als Wohnungslosenhilfe und aus Sicht der Wohlfahrtsverbände schon lange eine Dezentralisierung dieser Angebote: kleinere Einheiten mit Einzelzimmern, damit alle Menschen das Angebot auch annehmen können. Mir bringt ein Angebot nichts, welches nur ein Bruchteil der Personen annehmen kann. Wir müssen also einen besseren Zugang zu Wohnraum schaffen für diese Menschen. Wenn sie nicht mehr alleine wohnen können, dann vielleicht auch in Form von ambulanten betreuten WGs oder anderen Formen. Unterschiedliche Schätzungen gehen davon aus, dass es volkswirtschaftlich sogar kostenintensiver ist, die Menschen auf der Straße verwahrlosen zu lassen als sie in einer Wohnung unterzubringen. Wir vergessen nämlich oft die gesellschaftlichen Folgewirkungen, die ein Leben auf der Straße hat - gerade im Gesundheitsbereich.

"Es ist einfach wichtiger zu sagen: wir müssen in nachhaltige Lösungen investieren, die viel stärker in die Richtung gehen, möglichst schnell Wohnungen bereitzustellen. Erst so verhindert man, dass sich die Obdachlosigkeit chronifiziert und obdachlose Menschen stigmatisiert werden."

Bei jeglichen Bewerbungen – ob für eine Wohnung oder einen Arbeitsplatz – greift nämlich der Stigmatisierungseffekt, da in der Bewerbung die Adresse der Obdachlosenunterkunft angegeben wird. Wenn wir das wirklich angehen wollen, dann brauchen wir wirklich andere Konzepte, die Menschen nicht in Massen auf engem Raum unterbringen.

Neben Abstand, Hygiene und Mund-Nasen-Schutz ist die Testung auf COVID-19 ein zentrales Element zur Eindämmung der Pandemie. Wie sieht der Zugang von Unversicherten zu den COVID-19-Tests aus?

Für Unversicherte ist es immer noch schwierig Corona-Tests zu bekommen. Es ist vor allem eine Frage der Kostenübernahme in den häufigsten Fällen. Wir hatten hier besonders zu Beginn der Pandemie die Situation, in der wir den Test durchführen mussten. Dann rufst du halt den Kassenärztlichen Notdienst und bekommst die Antwort, dass sie kommen können, aber nur wenn wir die Kostenübernahme zusichern. Wir sind aber in einer Pandemie. Es ist also nicht aus Jux und Tollerei, sondern es geht ja um den Gesundheitsschutz der Gesellschaft. Und da ist es mit der bisherigen Strategie schwierig mit einem einfachen und schnellen Zugang zu Tests für Menschen, die nicht versichert sind.