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Survival-Kit und Hund


Als wir Tobi und Heinz treffen, sitzen die beiden Männer über Kaffee in Pappbechern gebeugt an einem Tisch. Es ist Winter und die Einrichtungsstätte Herz As hat gerade begehbare Container im Hinterhof eröffnet. Schnell fällt auf: die beiden sind miteinander vertraut und hören sich gegenseitig aufmerksam zu.


Ein Tier spielt in Tobis Leben keine wichtige Rolle. Auch wenn er es sich wünschen würde. „Nein, ich mein, ich kann ja mich selbst kaum versorgen, wie soll ich mich dann auch noch zusätzlich um einen Hund oder so kümmern. Auch wenn ich gern einen hätte.“ Später antwortet er auf unsere Frage, ob er etwas aus seiner Vergangenheit jetzt gern noch bei sich hätte, murmelnd, fast unhörbar: „Meinen Hund.“

Tobi ist etwas zurückhaltend, scheint viel zu träumen und zu beobachten. Er hat hellblaue Augen und einen dichten Bart. Sein rotes Haar lockt sich unter seiner schwarzen Wollmütze. Die helle Windjacke, die er trägt, ist weit und hängt lang an seinen Schultern herab.

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Tobi treffen wir beim Aufwärmen in der Tagesaufenthaltsstätte Herz As

Kennenlernen im Hamburger Winternotprogramm

Er ist 38 Jahre alt und wir lernen ihn in Gesellschaft seines Zimmerbewohners Heinz kennen. Beide sind zurzeit in einer Übernachtungsstätte in Hamburg-Niendorf untergekommen. Dort in der Schmiedekoppel haben sie sich auch kennengelernt. Die Schmiedekoppel ist Teil des sogenannten Winternotprogramms, welches während der COVID-19 Pandemie ins Leben gerufen wurde. Die unterschiedlichen Unterkünfte dienen obdachlosen Menschen als Zufluchtsorte während der kalten Jahreszeit. Dafür wurden vier Standorte in Hamburg aktiviert, die im Zeitraum vom 01. November 2020 bis einschließlich 31. März 2021 bewohnbar sind. Tobi und Heinz können zwar die Nächte in der Schmiedekoppel verbringen, doch müssen sie sich tagsüber die Zeit vertreiben und sich warmhalten, bis sie abends wieder Einlass in die Einrichtung erhalten.

Zur Sicherheit

In der Schmiedekoppel bewahren beide auch ihren Besitz auf. Bei Tobi umfasst das lediglich eine Einkaufstasche, die in seinem Blechspind in der Einrichtung steht. „Da ist nicht viel drin.“, fügt er lachend hinzu. Kleidung bewahrt er darin auf und manchmal, wenn er an einer Essensausgabestelle haltbares Essen wie Kekse erhält, dann schließt er diese auch in den Schrank ein. Er hat sich für den Schrank ein eigenes Vorhängeschloss gekauft, damit er diese Dinge beschützen und sich etwas freier bewegen kann.

Die Sorge um die eigenen Sachen verschwindet dennoch nie. Das Zimmer, auf dem er wohnt, ist nicht abschließbar und zu diesem Zeitpunkt übernachten etwa 200 Personen mit ihnen in der Unterkunft. Da komme es häufiger vor, dass Dinge aus den Schränken gestohlen werden würden. Sich wirklich schützen, gerade wenn man schliefe, könne man daher nicht.

Eine finanzielle Frage

Für beide Männer wäre es eine große Entlastung, wenn es mehr kostenlose Möglichkeiten gäbe, ihr Gepäck sicher zu lagern. „Weil manchmal, will man […] mit der S-Bahn irgendwo hinfahren und hat dann keine Lust das ganze Geröll da mitzuschleppen.“ Neben den wenigen Angeboten an kostenfreien Schließfächern wie am Stützpunkt, kostet das Verwahren von Gegenständen meist Geld. Geld, das eher genutzt wird, um Grundbedürfnisse wie Hunger und Durst zu stillen.

Ein Zimmer zu viert

Wenn es nach Tobi ginge, dann würde er lieber allein in einem Zimmer wohnen. Das wäre ein Schutzraum, in dem keine Konflikte entstehen können. Anders habe er es in dem Winternotprogramm erlebt. Dort, wo fremde Personen auf engem Raum aufeinandertreffen, seien Konflikte unvermeidbar. Momentan wohnt er mit Heinz und einem dritten Herren in einem Zimmer. Eine vierte Person würde auch noch Platz finden. Sie schlafen in Hochbetten.

Schwereres Gepäck durch die Corona Pandemie

Mit sich trägt Tobi nur einen alten Jutebeutel, den er zusammengerollt aus seiner Hosentasche hervorholt. Den Beutel benutzt er, wenn er unterwegs Pfandflaschen und Dosen findet oder Gaben wie Essen und Hygieneartikel annehmen kann. Mit dem gesammelten Pfandgeld kann er sich ab und zu eine Packung Zigaretten oder Tabak kaufen.

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Diesen Stoffbeutel wickelt sich Tobi um sein Handgelenk, sodass er nichts daraus verliert.

Außerdem trägt er einen hellblauen Mundschutz, der ihm gerade unter dem Kinn baumelt. Wenn es einen Gegenstand aus seinem Besitz gäbe, auf den er lieber verzichten würde, dann wären es eindeutig die Masken. Auch wenn er sich in den Momenten glücklich schätzt, in denen er kostenlos Masken und Desinfektionsgel erhalten kann: „Also, wenn ich mal irgendwo an so Ausgabestellen was ergattern kann, dann trage ich das immer bei mir.“ Durch die Pandemie ist der Umfang seines Gepäcks daher auch um diese Hygienemittel gewachsen. Sein Gepäck ist auch schwerer geworden, denn er nimmt jetzt für den Tag genügend Wasser mit, da er keine offenen Trinkwasserversorgungen findet.

Zusätzlich erkennt er die Auswirkungen der Corona-Pandemie an den geänderten Abläufen verschiedener Einrichtungen: „Man sieht es auch teilweise an den Tagesaufenthaltsstätten, geänderte Öffnungszeiten, beziehungsweise auch Essensausgabestellen, die früher drinnen ausgegeben haben, geben jetzt nur noch draußen durch die Tür raus.“

Er fügt hinzu, dass es auch Vorurteile gibt, die sich gegenüber obdachlosen Menschen verstärken: „Man merkt es ja auch schon teilweise, ich hab das schon vor Corona gehabt, wenn kalter Wind so wie heute ist, kriege ich eine kleine Triefnase und muss dann kurz mit dem Taschentuch drüber wischen und jetzt während Corona-Zeiten wird auch schon mal schief von der Seite angeguckt […].“ Wo und wie er im Falle einer Corona Erkrankung in Quarantäne gehen könnte, dass weiß er nicht.

Ein Allwetterfeuerzeug

Tobi scheint ein Fan von Action Filmen zu sein - zwei bestimmte Dinge würden seinen Alltag erleichtern: Eine Gasmaske und ein Survival-Kit. Die Gasmaske, so erklärt er, würde alle ausreichend vor dem Virus schützen und das Survival-Kit, da würde er sich besonders über das Allwetterfeuerzeug drin freuen: „[…] was man auch mal bei Regen anzünden kann, oder auch mal bei starkem Wind. Nähzeug, Verbandskram. [… ] da ist auch Angelschnur und Angelhaken und sowas drinne.“, führt er munter aus.

Das Feuerzeug ist für ihn auch eindeutig sein wichtigster Gegenstand. Tabak und mehrere Feuerzeuge, diese Dinge sind für ihn unverzichtbar. Heinz sieht das genauso.

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Ein Feuerzeug und Tabak sind griffbereit in seiner Tasche

Zwischen den Freunden und uns herrscht Vertrauen. Insbesondere Heinz teilt mit uns auch schmerzhafte Erfahrungen. Tobi hört aufmerksam zu. Manchmal beenden sie sogar gegenseitig ihre Sätze. Beide weisen uns noch auf verschiedene Ausgabestellen hin.

Als wir uns verabschieden, appelliert Tobi, gebrauchte, intakte Kleidung und essbare Lebensmittel nicht wegzuwerfen, sondern sie zu spenden. Auch Handys, die nur in Schubladen liegen und noch den Notruf wählen können, haben eine wichtige Verwendung für Menschen ohne Mobiltelefone.

Wir danken Tobi, Heinz und dem Herz As für das Gespräch. Es hat uns sehr bewegt und bereichert.