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Einzigartiges Konzept – der Stützpunkt für Obdachlose


Stelle dir vor, du hast keinen Schrank, kein Zimmer, keine Wohnung: Wo würdest du dein Gepäck aufbewahren? Eine Frage, die sich alle obdachlosen Menschen stellen müssen. Der Stützpunkt nahe des Hamburger Hauptbahnhofes bietet Hilfsbedürftigen die Möglichkeit ihr Gepäck tagsüber sicher in Schließfächern aufzubewahren. Wie sich herausstellt, ein einzigartiges Konzept in Hamburg!


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Container, die das Leben von obdachlosen Menschen stark entlasten. Positioniert in der Norderstraße 44, 20097 Hamburg. Wir haben mit Frederike Hniopek gesprochen, die sich seit zwei Jahren als Mitarbeiterin im Stützpunkt engagiert.

Möglichkeiten

Der Stützpunkt hat 24 Schließfächer, die mit einem Schloss versehen sind. Obdachlose Menschen können dort kostenlos ein Fach bekommen. Dabei bindet sich der oder die Besucher*in an einen Vertrag mit wenigen, klaren Regelungen. So soll die Person mindestens einmal pro Woche zum Stützpunkt kommen, um das Interesse am Schließfach zu zeigen. Auf diese Weise kann gleichzeitig eine Kontrolle erfolgen, erklärt Frederike Hniopek: „Wir schauen, dass die Fächer nicht einfach ungenutzt bleiben oder womöglich sogar leer stehen und dann jemand anderem die Chance verwehren, dieses Fach zu nutzen“.

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Die Schließfächer im Stützpunkt.

In ein Schließfach passt ungefähr ein Handkoffer, wie er im Flugzeug transportiert werden darf. Dinge können eingehängt und hineingelegt werden.

Der Stützpunkt ist ein niedrigschwelliges Angebot. Neben der Gepäckaufbewahrung können die Besucher*innen ein Beratungsangebot annehmen, müssen dies aber nicht tun. „Ich muss sagen, was ich lange Zeit vor der Corona-Pandemie gut fand, auch die Anonymität, einfach dort nicht großartig mit einem Beratungsangebot und der Idee den Menschen aus der Obdachlosigkeit herauszuhelfen, sondern den Menschen einfach zu nehmen, wie er ist. [...] Und sich nicht immer wieder blank machen zu müssen, das sehe ich da auch ganz häufig mit der Beratung verbunden, dass man seine Geschichte aufarbeitet, seine Biografie, über Themen redet, die einem vielleicht nicht so nahe liegen, die man vielleicht auch eher verdrängt, die man auch gar nicht bearbeiten will. Das wird bei uns nicht abverlangt und das mochte ich sehr.”, führt Frederike aus. Gerade wenn es um das persönliche Gepäck geht, sollte niemand in die Situation geraten, sich dafür erklären oder rechtfertigen zu müssen.

Sie zieht den Vergleich, dass wir beim Einschließen unseres Gepäcks am Hauptbahnhof ja auch nicht dem Bäcker gegenüber erzählen müssen, was unsere Geschichte ist.

Neben den Schließfächern verfügt der Stützpunkt über ein Lastenregal, welches für jede*n offen zugänglich ist. In diesem können größere, sperrigere Gegenstände, wie Zelte, Schlafsäcke oder Isomatten aufbewahrt werden. Durch diese Möglichkeit wird der Alltag von Hilfsbedürftigen erleichtert, weil sie tagsüber nicht durch ihr Gepäck behindert werden, bei Terminen oder Einkäufen. Sie sind flexibler.

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Das Lastenregal bietet Platz für größere Gegenstände.

Unbegrenzte Nutzungsdauer

Grundsätzlich ist die Vertragsdauer für ein Schließfach unbegrenzt. Die Besucher*innen können das Fach solange nutzen, wie es gebraucht und gewollt wird. Die Schlüssel für die Fächer bewahrt der Stützpunkt in einem Schlüsselkasten auf. Wer an sein Schließfach möchte, kann sich diesen daraus nehmen.

Die Schlüssel werden den Besucher*innen nicht mitgegeben, weil sie dann eventuell verloren gehen könnten. Dies komme vor, erwähnt Frederike, vor allem, weil einige Besucher*innen zwei Gesichter haben: morgens nüchtern und abends alkoholisiert. Auf diese Weise überstehen die Menschen oft den Tag, insbesondere bei der Kälte im Winter. Und da passiere es, dass ein Schlüssel unterwegs verloren geht. Das ist nicht anders, als wenn wir mal Schlüssel oder Handy verlegen. Wer den Schlüssel aber verliert, bekommt keine Probleme. Der Stützpunkt hat einen Zweitschlüssel und wenn auch dieser verloren gehen sollte, „knacken wir auch mal ein Schloss und dann kriegt die Person ein neues Schloss mit Schlüssel. Da sind wir ganz unkompliziert“, berichtet Frederike.

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Alle Schließfächer sind mit einem Schloss versehen.

Wenn die Regelung mindestens einmal wöchentlich am Stützpunkt zu sein nicht eingehalten wird, kann das Schließfach der betroffenen Person geräumt werden. Das wird von Fall zu Fall im Team besprochen. Wenn alle Schließfächer belegt sind, wird ein Fach schneller geräumt. Wenn noch Kapazitäten vorhanden sind, hält sich der Stützpunkt auch mal offen, ob die Person wieder kommt. So unterschiedlich wie die Räumungen verlaufen, so unterschiedlich sind auch die gefundenen Inhalte. Manche Schließfächer sind leer, in anderen sind noch persönliche Gegenstände wie Schuhe, Fotos oder Briefe, erzählt Frederike. Bei jeder Räumung werden Gegenstände danach sortiert, ob sie aufbewahrt, entsorgt oder gespendet werden. Besonders erwähnenswert: Persönliche Dinge werden behalten, damit die Person die Möglichkeit hat, sich diese wiederzuholen. Ob das vorkommt, sei sehr individuell.

Wochenlanges Notprogramm

Im März 2020 musste der Stützpunkt aufgrund der Corona-Pandemie sein Angebot für eine Woche schließen. Schnell wurde ein Notprogramm geplant, das von Mitte März bis Mai lief. Immer von 10-12 Uhr waren drei Mitarbeitende und auch Ehrenamtliche vor Ort, haben Suppen und Kaffee verteilt und die Möglichkeit geboten, eine Toilette zu nutzen, Hände zu waschen und einen kurzen Aufenthalt zu haben.

Die Besuchszahlen des Stützpunkts erreichten während des Notprogramms ein Hoch: bis zu 50 Menschen nahmen das Angebot wahr. Zum Vergleich: Vor der Corona-Pandemie variierten die Zahlen meist pro Dienst zwischen 10 und 15 Personen. Der Zutritt in die warmen Räumlichkeiten war vermutlich das, was den Stützpunkt zu der Zeit von März bis Mai so attraktiv machte, denkt Frederike.

Im Mai konnte der Stützpunkt unter Einhaltung von Corona-Schutz-Maßnahmen sein reguläres Angebot zu den bekannten Öffnungszeiten wieder anbieten. Eine große Veränderung gab es durch die Pandemie in der Anonymität der Besucher*innen. Der Besuch im Stützpunkt konnte immer anonym erfolgen. Wer an sein Schließfach möchte, kann sich einfach den Schlüssel aus dem Schlüsselkasten nehmen. Eine Möglichkeit, die viel wert sei, findet Frederike. Doch nun muss es anders laufen: „Und da ist jetzt der Unterschied in der Corona-Pandemie. Wir nehmen Kontaktdaten auf, auch wenn Menschen dort ohne Fach sind, fragen wir nach Vornamen, Nachnamen, wenn vorhanden Anschrift und eine Telefonnummer, dass wir Kontakte nachvollziehen können. Das ist dann in dem Moment leider das Negative, was man mitnehmen muss.“ Die Schlüssel für die Schließfächer dürfen sich die Besucher*innen nicht mehr wie üblich selber nehmen, sie müssen bei der Ankunft bei einem Mitarbeiter oder einer Mitarbeiterin abgeholt werden.

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Im Innenhof hängen Schilder mit den geltenden Corona-Schutzmaßnahmen

Verwehrter Zugang am Hbf

Weitere Möglichkeiten zur Aufbewahrung von Gepäck in Schließfächern bietet der Hauptbahnhof. Allerdings kosten diese pro Öffnung mehrere Euro. Frederike sagt: „Da ist der Zugang schon für viele Menschen verwehrt. Das muss man sich ja auch erstmal leisten können. Und wenn man dann abwägt, kauf ich mir etwas zu essen, kauf ich mir etwas zu trinken oder ist mein Gepäck sicher, ich glaube dann nehmen viele die existenziellen Nöte ernster.“

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Im Gegensatz zu den Fächern am Stützpunkt muss am Hauptbahnhof Geld bezahlt werden.

Das Fazit zu den Möglichkeiten in Hamburg und der Rolle des Stützpunktes, beschreibt Frederike in klaren Worten: „So wie der Stützpunkt ist, ist es schon ein Alleinstellungsmerkmal, es gibt kein ähnliches Angebot. Sicherlich gibt es viele Einrichtungen, die auch Schließfächer anbieten, aber so in dieser Form, nur Schließfächer anbieten, das ist der Stützpunkt ganz alleine.“

Eine tolle Möglichkeit, die der Stützpunkt für Hilfsbedürftige schafft. Lies hier die Geschichte eines Besuchers, der dort sein Gepäck lagert.