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Schlafsack und Isomatte


Der „Stützpunkt“ ist ein kleines Containergebäude der Caritas, in dem Schließfächer für obdach- und wohnungslose Menschen angeboten werden. Die kostenlose Gepäckaufbewahrung soll den Besucher*innen den Alltag erleichtern, indem sie eine Sorge weniger schultern müssen.

Jonny* ist Vater, ehemaliger Koch und ein gut gelaunter Stammgast des Stützpunktes. Was er bei sich trägt und wie sein Gepäck sich durch die Pandemie veränderte, hat er uns offen dargelegt.


Wir treffen Jonny an einem kalten Wintermorgen um acht Uhr. Über uns färbt sich der dichte Wolkenhimmel zum ersten Mal seit langer Zeit wieder rot. Still laufen wir vom Hauptbahnhof in das nahe gelegene Münzviertel. Die Stadt schweigt kurz nach Sonnenaufgang. Jonny hingegen ist schon hellwach. Er hat gestern Nacht auf der Straße geschlafen und ist Frühaufsteher.

Jonny ist 59 Jahre alt und trägt an jenem Morgen eine Wollmütze, eine Brille mit dicken Brillengläsern und eine dunkelblau gesteppte Jacke. Die Ärmel sind ihm etwas zu lang, sodass seine Handballen in der Jacke verschwinden.

Nicht vor langer Zeit hatte er noch eine Wohnung, doch als er durch eine Krankheit seine Arbeit als Koch verlor, bekam er auch Schwierigkeiten mit seiner Vermieterin. Da zog er los, um Arbeit zu finden.

Ankunft in Hamburg

Knapp ein halbes Jahr lebt er nun in Hamburg. Davor war er in Bremen und Norddeich und wäre auch noch gern weitergezogen. Er benötigt allerdings eine feste Adresse, um wichtige Post vom Amt zu empfangen. Einige Einrichtungen für obdach- und wohnungslose Menschen stellen ihren Besucher*innen Postadressen zur Verfügung, damit sie Leistungen wie Arbeitslosengeld beziehen können. Ohne Anschrift kann kein Geld empfangen werden. Das ist Jonny bereits einmal passiert, daher ist er seitdem in Hamburg geblieben.

In seiner Vergangenheit war Jonny einmal verheiratet und hat zwei Söhne. Zu seinem Bedauern ist der Kontakt zu seinen Kindern abgebrochen. Diese Beziehung sei etwas, die er sich jetzt in seinem Leben wünschen würde. Sonst ist er sehr bescheiden.

Unaufgeregt erzählt er uns von seinem Alltag. Er ist gut gelaunt und macht uns Komplimente. Heute sei sein Glückstag. Nichts ist schambehaftet. Er spricht so leicht von seinem Gepäck, dass es uns überrascht. An seinem Körper trägt er keine Tasche, sein ganzer Besitz ist im Schließfach verstaut. Nicht einmal ein Portemonnaie hat er bei sich. Stattdessen befindet sich in seiner Jackentasche ein einfaches Handy, damit er für die Arbeitssuche erreicht werden kann.

Leichtes Gepäck

Jonny schätzt, dass sein gesamtes Gepäck um die 10 Kilogramm wiegen würde. Als er allerdings mit einer kleinen Sporttasche und einem leichten schwarzen Rucksack aus dem Gebäude herauskommt, staunen wir. Das ist weniger, als viele Menschen für einen Urlaub einpacken. Sein Gepäck und dessen Inhalte sehen genauso gepflegt aus wie Jonny selbst.

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Jonnys gesamtes Gepäck besteht aus zwei leichten Taschen.

Normalerweise ist er unbeschwert unterwegs. Der Inhalt seiner Sporttasche besteht nur aus Schlafsachen. Das sind nicht mehr als ein Schlafsack, ein paar Decken und Isomatten. Die Tasche trüge er aber höchstens 10 Minuten lang mit sich. Er hole seine Tasche jeden Abend am Stützpunkt ab und verstaue sie dann am nächsten Morgen wieder dort. Außer sonntags, wenn der Stützpunkt geschlossen ist. Da wendet er sich an einen bekannten Kioskbesitzer, der seine Tasche tagsüber verwahrt. „Jeder der obdachlos ist, kann sich auch einen Kreis aufbauen, wo dann alles funktioniert.“, betont er häufig.

Ein warmer Schlafsack

Jonny spricht voller Würde und Leichtigkeit. Und wie selbstverständlich rollt er seine wenigen Sachen vor uns auf dem Asphaltboden aus.

„Eigentlich ist das noch zu viel“, sagt er. Einige Decken seien gerade nicht nötig, noch sei es gar nicht so kalt. Nachts müsse er noch seinen Pullover ausziehen, damit ihm im Schlafsack nicht zu warm werden würde. Es ist Ende Januar als wir ihn treffen und kurz darauf schneit es in Hamburg.

Der Schlafsack ist auch sein wichtigster Gegenstand. Er trotzt Minusgraden und verbirgt nachts die Tasche, die er sich unter das Kopfende legt. So versucht er sich vor Diebstahl zu schützen, während er schläft. Sicher ist es dennoch nicht, doch er beruhigt sich damit, dass alles ersetzbar ist. Persönliche Gegenstände besitzt er nicht.

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Der Schlafsack schützt ihn im Winter vor der Kälte.

Von Tag zu Tag Leben

„Bei mir ist praktisch heute ist heute und morgen ist morgen.“, erklärt Jonny, nachdem er verneint hat, Bilder oder sentimentale Erinnerungen von früher zu besitzen. Neben seinen Schlafsachen besitzt Jonny noch etwas Kleidung und Hygieneartikel, die er rund um die Uhr in seinem Schließfach aufbewahrt. Diese Sachen bekomme man genügend in verschiedenen Ausgabestellen. Auch Desinfektionsmittel und blaue OP-Masken würde er reichlich kostenlos erhalten.

Vorurteile abbauen

Jonny ist es sehr wichtig, die Ressourcen aufzuzeigen, die ihm als obdachloser Mann zur Verfügung stehen. Häufig wiederholt er, dass er jeden Tag duschen gehe. Er besitzt verschiedene Shampoos, Duschgele und einen eigenen Rasierer. Diese Dinge bekommt er auch kostenlos in Einrichtungen gestellt, doch ihm ist der Duft seiner eigenen Kosmetika lieber.

„Ein arbeitender Familienvater mit zwei Kindern, der kann sich das nicht alles leisten.“ Die Versorgung, die Jonny durch soziale Hilfsangebote erfährt, stellt für ihn persönlich eine besondere Lebensqualität dar. Täglich etwas zu essen zu bekommen zum Beispiel: Das sei für ihn etwas, das nach seinen Erfahrungen sogar in einem Leben mit Wohnung keine Selbstverständlichkeit sei.

Er legt uns daher sehr ans Herz, unsere Blickwinkel zu erweitern, wie ein obdachloser Mensch leben würde. Seiner Meinung nach müsse man einen Tag lang jemanden wie ihn begleiten, um Vorurteile gegenüber obdachlosen Personen abzubauen. Gerade in Bezug auf Alkohol- und Drogensucht sieht er viele Extremfälle, die das gesellschaftliche Bild von hilfsbedürftigen Menschen verzerren. Es gäbe ausreichend viele Angebote, man müsse sie nur ergreifen wollen. „Das was man da draußen sieht, ist ein falsches Bild.“

Nach unserem Besuch möchte er etwas Spazieren, in die Einrichtung nebenan zum Duschen und später dort auch etwas Essen gehen. Danach wird er weiter Bewerbungen herausschicken und Rückmeldungen sichten. Er hätte schon über 500 Bewerbungen geschrieben, doch die andauernde Pandemie erschwere ihm die Arbeitssuche enorm.

Es ist langweilig geworden

Durch Corona sind für ihn auch Möglichkeiten zum Aufwärmen in der Stadt weggefallen. Vor allem aber ist es langweilig für Jonny geworden. Vor Corona-Beginn konnte man ihn beim Kaffee trinken oder Bummeln in der Stadt antreffen: „Das Einzige was momentan schlimm ist, ist keine Arbeit, es ist stinklangweilig. Man kann nicht mal sagen: Gut, dann gehe ich mal durch die Geschäfte bummeln, geht auch nicht, dass man auch nur rumgeht.“

Wie sein Gepäck sich im Sommer verändern könnte, das weiß Jonny nicht. Er hofft, dass er bis dahin eine Arbeit gefunden hat.


Wir danken Jonny und dem Stützpunkt für dieses offene und bereichernde Interview.

*Der Name wurde auf Wunsch geändert.