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Feuerzeug und Arbeit


Heinz ist Rentner und dennoch voller Tatendrang. Früher war er Berufskraftfahrer, heute findet er keine Arbeit. Aber aufgeben möchte er noch nicht. Gemeinsam mit seinem Freund Tobi kommt er zurzeit im Winternotprogramm an der Schmiedekoppel unter. Persönliche Gegenstände möchte er dort aber lieber nicht aufbewahren.


Wir treffen Heinz und Tobi gemeinsam im Herz As, einer Tagesaufenthaltsstätte für obdach- und wohnungslose Menschen. Gerade einen Tag vor unserem Interview haben neue Container im Hinterhof geöffnet. Hier wärmen sich die Freunde gerade bei einem Kaffee auf. Etwas zurückhaltend, aber sehr freundlich begrüßen sie uns.

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Heinz ist 70 Jahre alt, hat mittellange, graue Haare. Zum Lesen setzt er sich eine Brille mit silbernem Rahmen auf. Sein grünblau karierter Rucksack steht neben dem Stuhl auf dem Boden. Er trägt eine schwarze Sporthose, eine große hellgraue Jacke und eine schwarze Cap auf dem Kopf. Sein jüngerer Freund Tobi sitzt ihm gegenüber. Weil er auf einem Ohr nicht mehr gut hören kann, neigt er seinen Kopf während unseres Gesprächs häufiger zur Seite. Mit dem guten Ohr an Tobi gewandt, fragt er dann nach, ob er unsere Fragen wiederholen kann.

Nur das Nötigste im Schließfach

Heinz hat Glück. Den Hauptteil seines Gepäcks kann er bei einem guten Bekannten lagern. In dem Schließfach der Unterkunft, in der er momentan schläft, lässt er nur seine Zahnbürste, Zahnpasta und einige Kleidungsstücke zum Wechseln. Persönliche Gegenstände wie Papiere und Familienfotos bewahrt er dort nicht auf. Warum nicht? „Man muss ja ehrlich sein, solche Unterkünfte sind nicht die sichersten Unterkünfte.“ Darum sei er sehr froh, die Möglichkeit zu haben, das Wichtigste bei einem Freund lassen zu können.

Am Tage trägt Heinz einen Rucksack mit sich. Eigene Gegenstände sind da aber nicht drin. „Es klappert!“ Er schüttelt lachend den Rucksack und erklärt: „Wenn ich mal ein paar Plastikflaschen oder Dosen finde.“

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Manchmal sammelt Heinz in seinem Rucksack Pfandflaschen.

Ständige Wachsamkeit gefordert

Die Sicherheit des Gepäcks scheint ein großes Thema im Leben der zwei Freunde zu sein. Theoretisch müsse man tagsüber und auch nachts auf sein Hab und Gut aufpassen. Nur praktisch gehe das leider nicht. „Alles kann man ja nicht mitschleppen. Also lässt man das im Schrank. Und am Tag dürfen wir da ja nicht hin und dann kriegt man das auch nicht mit, wenn da irgendeiner – weil die Zimmertüren sind immer auf! Die sind nicht abschließbar.“ Heinz jüngerer Freund Tobi habe sich bereits ein eigenes Vorhängeschloss gekauft, erzählt er. Nachts, beim Schlafen, ist das Aufpassen natürlich auch schwierig. Bedrückt erzählt Heinz, dass einfach der Zusammenhalt fehle – obwohl alle das gleiche Schicksal hätten. Vertrauen gäbe es zu fast niemandem mehr.

Heinz und Tobi teilen sich in der Winternotunterkunft an der Schmiedekoppel mit einer dritten Person ein Zimmer. Eigentlich ist auch noch Platz für jemand Vierten. „Man muss vieles zurückstecken“, erzählt Heinz. Bei zwei Personen könne es schon Stress geben. Bei vier sei das hundertprozentig der Fall. Welche Art von Stress sei dabei unterschiedlich. Es kann etwas so Banales sein, wie dass jemand nachts das Licht anmacht. Doch auch Schuldzuweisungen, wenn jemand seine Geschichte preisgibt, seien nicht unüblich. Gegen nur einen Mitbewohner hätte er nichts, doch alles darüber hinaus sei es ihm eigentlich zu viel.

Trotzdem findet er das Winternotprogramm gut, weil es umsonst ist. In seiner vorherigen Unterkunft in Bergedorf musste er noch 150 Euro selbst dazu zahlen. Bei seiner kleinen Rente hat ihn das sehr geschmerzt.

Das Wichtigste: ein Feuerzeug und eine Arbeit

Wir fragen Heinz und Tobi nach ihren wichtigsten Gegenständen. Heinz versteht die Frage akustisch nicht, Tobi wiederholt sie für ihn. „Feuerzeug“, sagt Heinz wie aus der Pistole geschossen. Wir lachen zusammen. Tobi stimmt seinem Freund zu. Außerdem holt der 70-Jährige sein Handy aus der Tasche hervor und legt es auf den Tisch: „Ja und hier: sowas.“

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Heinz‘ wichtigster Gegenstand: sein Feuerzeug.

Ein Gegenstand, der Heinz das Leben erleichtern würde, fällt ihm auf die Schnelle nicht ein. Aber dafür etwas anderes: „Was ich gern hätte, wäre wieder Arbeit.“ Auch wenn er schon 70 Jahre und Rentner sei, fehle ihm die Arbeit sehr. „Wenn man morgens wach wird, man hat keine Aufgabe mehr. Die einzige Aufgabe, man muss raus und sich den Tag rumtreiben.“

Er erzählt uns von seiner schwierigen Arbeitssuche. Mit seiner Gesundheit und Berufserfahrung könne er locker noch arbeiten. Sein Alter sei das Problem, wie ihm mehrfach direkt ins Gesicht gesagt wurde: „Sie sind zu alt. Das tut weh. Wer das hört, das tut weh.“ Tobi spricht von den vielen Rentnern, die beispielsweise nach Thailand auswandern. „Ja, wenn du mir die Fahrkarte gibst, dann fahre ich auch hin!“ Heinz steckt uns mit seinem Lachen an. Das Gespräch hat mittlerweile eine ganz offene und humorvolle Atmosphäre erreicht.

Fehlende Kontakte

In der Corona-Pandemie fehlt Heinz hauptsächlich der Kontakt mit seinen alten Freunden. Er würde sich gern wieder mal in einer Gruppe treffen. Doch momentan ist das ja leider nicht erlaubt.

Sein Gepäck sei weniger geworden, erzählt er. Allerdings liege das nicht unbedingt an der Corona-Situation, sondern an dem Umgang in manchen Unterkünften. Dinge verschwinden dort. Erneut betont er, wie froh er sei, wichtige Unterlagen bei seinem Bekannten lagern zu können.

Mehr Hygieneartikel habe er nicht unbedingt. Da wo er und Tobi verkehren, bekomme man kostenlos neue Masken und muss sich sowieso immer die Hände desinfizieren. „Daher braucht man das eigentlich selber nicht mitschleppen“, erklärt er.

Verdacht auf Corona

Heinz musste vor einiger Zeit in Quarantäne. Aber nicht, weil er selbst mit Corona infiziert war. Er begleitet seinen schwerhörigen Freund, bei dem er auch sein Gepäck lagert, zu seinen Arztterminen. Als nach dem Besuch beim Hausarzt der Verdacht auf eine Infektion bei Heinz‘ Freund bestand, musste er als Begleitperson mit in Quarantäne. Eine Woche lang war Heinz bei seinem Freund mit zuhause. „Zum Glück war der Kühlschrank voll“, lacht er. Zwischendurch kam sogar das Gesundheitsamt und kontrollierte, ob die Beiden tatsächlich zu Hause waren. Nach einer Woche kam dann die Entwarnung: es war nur eine Erkältung.

Wie es verläuft, wenn jemand in der Unterkunft erkrankt, weiß Heinz nicht. Er hat es glücklicherweise noch nicht erlebt. „Dann würden sie wohl die Container dicht machen“, vermutet er.

Mehr Möglichkeiten erforderlich

Ob es in Hamburg für hilfsbedürftige Menschen genügend Möglichkeiten zur Gepäckaufbewahrung gebe, sieht Heinz problematisch. „Das ist eigentlich ‘ne finanzielle Frage.“ Tobi bringt als Beispiel die Schließfächer am Hauptbahnhof, die man sich für 24 Stunden mieten kann. Aber das koste alles Geld, wirft Heinz ein. Sichere, kostenlose Schließfächer zur Verfügung gestellt bekommen – das würde Heinz gut finden. So wie der Stützpunkt es vormacht, davon müsste es mehr Angebote geben. Täglich mehrere Euro für die Gepäckaufbewahrung zu zahlen, sei zu viel. Dann müsse man zum Beispiel an noch wichtigeren Dingen, wie am Essen sparen.

Wir danken Heinz und Tobi für das tolle Interview und ihr Vertrauen.