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Tapfer durch das Leben und die Pandemie


„Ich fühle mich schon sicher, ich arbeite hier unter der Beobachtung von Davidwache und liebe meine Polizei“

In dem Wohnviertel St.Pauli auf Vergnügungs- und Rotlichtmeile Reeperbahn arbeitet und vertreibt drei Tage pro Woche die Verkäuferin von der Zeitung „Hinz und Kunzt“ A. Diese fröhliche und offene Dame beeindruckt mich mit ihrer Lebenseinstellung und gibt mir paar Gründe, um nachzudenken. Es muss zugegeben werden, bei den anderen Umständen, hätte ich gar nicht erkannt, dass A. tatsächlich wohnungslos ist.

„Ich habe mir ein Glück selbst aufgebaut und auch ohne Wohnung muss ich hier auf der Straße nicht schlafen. In Eidelstedt habe ich mein Rückzugsort, mein Zelt, das steht auf dem Grundstück von einem bekannten Ehepaar. … Dort dusche ich mich auch zweimal pro Tag. Auch die wohnungslosen Menschen können gepflegt aussehen, das hat nichts mit der Armut zu tun. Wasser gibt es überall“.

Direkt vor mir auf einem Rollator sitzt eine ordentliche 60-jährige Frau. Auf jeder Seite ihres Rollators hängt eine durchsichtige Plastiktüte mit den roten monatlichen Zeitungsausgaben von „Hinz und Kunzt“. Seit 8 Jahren verkauft sie die Zeitungen und somit finanziert sie sich ihr Leben, ohne die Sozialhilfe beantragen zu müssen. Ihr Ehemann, mit dem sie 4 Kinder großzog, ist vor einige Zeit gestorben. Die zweite Ehe endete auch nicht viel glücklicher: er war alkoholabhängig, wollte keine therapeutische Hilfe annehmen. Das Leben unter einem Dach wurde zu Desaster. Deshalb musste sie die Wohnung ihm überlassen. Dazu kamen noch gesundheitliche Probleme, so wurde sie wohnungslos.

Jeden Tag pendelt sie mit der Bahn von Eidelstedt nach St.Pauli zum Zeitungsverkauf. Der Platz für den Verkauf hat sie auch von „Hinz und Kunzt“ zugewiesen bekommen, unmittelbar von Davidwache, die durch Film und das Fernseher, auch außerhalb von Hamburg zu dem bekanntesten Polizeirevier geworden ist.

Hier fühlt sie sich sicher, bleibt dort aber nur tagsüber. Sonst ist auf der Reeperbahn in der Nacht für eine wohnungslose Frau kein sicherer Ort. Vor allem, in der Zeit von Pandemie, außerdem für Frau ist es doppelt so schwer, berichtet A.

„Ich sage es jeder Frau, du kannst dein Geld verdienen, wo immer du möchtest, aber zum Übernachten bleib gefälligst außerhalb. Warum musst du hier auf dem Kiez schlafen? Das ist brandgefährlich. Hier musst du immer damit rechnen überfallen zu werden, auch vergewaltigt zu werden.“ Deshalb empfiehlt sie den obdachlosen Frauen außerhalb von Innenstadt zu bleiben, zumindest über Nacht.

Zudem hat das Leben auf der Straße sehr wenige schöne Überraschungen, hier hat man Angst, dass eine Rate dir in den Schlafsack krabbelt, dass es zur Zwischenkonflikte kommen kann. Es laufen hier Banden aus Rumänien oder Bulgarien, erzählt A., und klauen alles was nicht nagelfest ist. Niemals im Leben würde sie hier über Nacht bleiben. Deshalb ist sie auf dem Kiez nur zum Verkauf unterwegs.

A. mag sehr gerne ihren Job als Verkäuferin von der Straßenzeitung. „Hinz und Kunzt“ gibt mir die Möglichkeit arbeiten zu gehen auf Selbständigkeitsbasis, aber es lässt mir mein Stolz. Ich leiste einen Beitrag, für das was ich brauche gehe ich arbeiten und das ist egal wie du arbeitest, so sehe ich das mal“.

Menschen, die wohnungslos sind, verdienen ihr Geld hauptsächlich durch Betteln, schnorren, Pfand sammeln und Verkauf von Straßenmagazin. Viele Frauen müssen zu einer Notlösung greifen und sich zur Verfügung stellen. Für wohnungslose Menschen seit dem Anfang der Pandemie, ist alles mühseliger geworden, es laufen nicht mehr so viele Menschen auf der Straße und deshalb sind die Einkommen von wohnungslosen Menschen weniger geworden. In diesem Fall muss man Geduld haben und sich etwas einfallen lassen. Wenn der Verkauf von Zeitungen gerade nicht so gut läuft, geht A. paar Straßen weiter und sammelt welche Dosen oder Flaschen. Sehr glücklich erzählt sie über die größte Spende, die sie von einem unbekannten Mann bekommen hat, ihr hat er eine HVV-Jahreskarte gespendet.

Ihr Einkommen besteht nur aus Verkaufsgeld oder Spenden, die immer unterschiedlich sind. Heute drückte eine Dame ihr in die Hände ein Geldschein und verschwand blitzschnell. „Die Zeitung kommt nur einmal im Monat raus. Und du möchtest auch nicht zweimal die gleiche Zeitung lesen, deshalb helfen die Leute mir auch so.“ – erklärt A.

Jetzt ist sie sehr glücklich darüber, die Zeitungen verkaufen zu können. In den ersten 3 Monaten der Pandemie hatte sie diese Möglichkeit nicht, denn die Redaktion „Hinz und Kunzt“ war geschlossen.

Durchschnittlich benötigt diese Frau ca. 15 Euro pro Tag und geht mit dem Geld sehr vorsichtig um. „Mathe war mein Lieblingsfach“-, lacht sie. Während COVID-19 Pandemie braucht sie etwas mehr Geld als sonst. Weil dazu die Kosten für Masken und Desinfektionsmittel kommen. Abgesehen davon, hat man auch den Bedarf für einen Kaffee oder einen Tee. Vor allem wenn man den ganzen Tag im Winter draußen verbringen muss. A. hat trotzdem eine positive Einstellung zum Leben und schätzt ihre Gesundheit. Außerdem spricht sie darüber, wie wichtig es ist, sich warm anzuziehen, wenn man ganzen Tag draußen verbringen muss. Man soll am besten die Kleidung aus mehreren Schichten tragen, auch Thermounterwäsche soll man nicht vergessen. Damit die Füße auch warm bleiben, hat A. auch eine Lösung - warme Einlegesohlen für Schuhe.

„Ich kann ganz gut mit dem Geld umgehen, bis auf meine Sucht – Rauchen. Deshalb gibt es für mich gerade keine großen Veränderungen durch die Pandemie“.

Aber sie beobachtet die Veränderungen für die anderen, die mit ihr das gleiche Schicksal teilen, wohnungslos zu sein. In diesem Winter erlebt sie auch bittere Verluste. Es sind zwei Freunde aus dem Leben gegangen, der eine ist an den Folgen von der COVID-Erkrankung gestorben, der andere ist auf der Straße erfroren. Dieses Jahr ist die Zahl der Kältetoten ist so hoch wie schon lange nicht mehr.

Deswegen ist es gerade so wichtig, dass wohnungslose Menschen im Winter mehr Unterbringungsmöglichkeiten haben. Vor allem, mehr Hilfsangebote speziell für Frauen soll es geben, denn weibliche Wohnungslosigkeit läuft oft verdeckt ab.

In Hamburg gibt es paar Einrichtungen, die in der ersten Linie für die wohnungslosen oder bedürftigen Frauen da sind. Es sind aber nicht so viele, beispielweise, kenne ich 3 von. A. kennt auch eine, ist da auch gewesen, meist zum Wäsche waschen. „Frauen, die die Einrichtung besuchen sind mir zu zickig“-, lacht sie.

Der Beitrag, den diese Einrichtungen leisten schätz sie ebenfalls sehr und herzlichst sagt dazu: „Es ist sehr freundlich da, die Mitarbeiter versuchen jedem zu helfen, man muss auch die Hilfe zulassen können.“ Auch A. hilft den anderen sehr gerne, trotz den vielen Herausforderungen in ihrem Leben.

„Mich kennen hier sehr viele Leute, sei es Obdachlose oder einfach die Passanten. Für viele, die hier auf der Straße auch schlafen, bin ich ganz oft wie Mutti. Ich mag meine Leute, ich verurteile sie nicht aber sie wissen auch, ich bedauere sie nicht “.

Es kommt vor, dass A. bei der Terminvereinbarung den anderen hilft und regt sich tierisch auf, wenn die wohnungslosen lieber eine Flasche oder „Stein“ bevorzugen. Sie sagt, sie würde mit dir laufen, aber niemals für dich, du musst alleine laufen. Sie sagt, die meisten wissen, sie können ihr Zustand verändern, wenn die es wollen.

In ihrem Leben würde sie nichts ändern wollen und würde alles wieder tun. Sie träumt auch von Ende der Pandemie, weil sie was ganz Besonderes vorhat, und zwar möchte sie eine eigene gemütliche Hütte anschaffen. Dabei möchte sie es selbst erarbeiten und sie schafft es auch, sagt A.

Am Ende des Gesprächs frage ich was das Schönste war, was A. kürzlich erlebt hat und ihre Antwort erleuchtet mich. Auch wenn das Leben gerade etwas schwieriger als sonst ist, sagt A. dazu: „Für mich ist es schön ein nettes Gespräch zu führen. Für mich ist es schön, wenn der Himmel blau ist und die Sonne scheint. Dann bin ich glücklich, ich kann mich über Kleinigkeiten freuen. Ja, ich bin ein glücklicher Mensch, trotz allem.“